Orient und Okzident

Aus dem Fluß gerettet: Halle zeigt den Schatz der Armenier

Der Gerettete Schatz der ArmenierWäre die Wahrheit nicht so schrecklich, man läse die Geschichte wie einen spannenden Roman: Am 13. September 1915 bricht aus dem armenischen Sis in Kilikien eine Karawane nach Aleppo auf. Geladen hat sie den hastig zusammengerafften Kirchen-schatz aus der Sophienkathedrale, dem Hauptsitz des armenischen Katholikats: goldene Kelche, edelsteingeschmückte Reliquiare. Prunkgewänder, Handschriften, in Gold und Silber gefaßt. Schon am nahen Ruß Ceyhan stockt die Rucht. Hunderte den türkischen Massakern von 1896 und 1910 entkommene und nun zur Deportation bestimmte Armenier warten auf Rettung durch Floße. Bei der Überfahrt versinkt das Heiligste: das gold-silbeme Behältnis des „Heiligen Myron". Junge Leute tauchen, ohne an ihr Leben zu denken, nach dem riesigen Salbölgefäß, finden es, retten es. Heute hat der Kirchenschatz seinen Platz in Antelias im Libanon, behütet vom Katholikat und dem Kilikia-Museum.

Völkermord und Vertreibung sind der allgegenwärtige Hintergrund, vor dem nun in der Moritzburg in Halle der armenische Kirchenschatz ausgestellt ist. Doch was unmittelbar, faszinierend und staunenerregend vor Augen steht, ist die Kunst einer siebzehnhundert Jahre alten Kultur zwischen Morgen- und Abendland. Einer Chimäre gleich, assimilierte sie sich Orient und Okzident, wirkt im selben Gegenstand gleichermaßen römisch, christlich, islamisch, byzantinisch und türkisch.

Die Gemeinschaft der Armenier in Kilikien, jahrhundertelang Vermittler zwischen Rom und Byzanz, dann christliche Insel im türkischen Großreich, suchte sich ebenso energisch gegen Ost wie gegen West abzugrenzen. „Wir sind bereit, lieber mit unseren Vätern in die Hölle zu gehen, als mit den Römern in den Himmel emporzusteigen", heißt es in einer klerikalen Streitschrift des dreizehnten Jahrhunderts. Und doch war es armenische Kunst, so sieht man nun in Halle, worin römisch-antikes Können fast reiner überdauerte als im oströmischen Byzanz: Die Illuminationen der Evangeliare wahren bis ins hohe Mittelalter eine Unmittelbarkeit der Darstellung, eine lebendige Individualisierung und naturgetreue Wiedergabe, die frei bleibt von aller ikonischen Erstarrung. Propheten in Toga und Tunika, Heilige mit Gesichtern, so einzigartig, daß man an Porträts glauben muß, bewegen sich in und vor Bauten, die Nazaret und Jerusalem, Betlehem und Kafarnaum zum detailgetreuen antiken Rom wandeln. Ein Blick aber auf die gegenüberliegende Seite, und man glaubt den Koran zu sehen. Unverkennbar die züngelnden Arabesken, die verschlungenen floralen und geometrischen Linien in Gold, Türkis, Violett und Ultramarin.

Changierend ist alles, was den Schatz ausmacht: Liturgische Gewänder lassen trotz Mitra an Kalifen denken. Kelche sind zu sehen und Weihrauchgefäße, die aus der Hagia Sophia, der Blauen Moschee, aber auch aus dem Mainzer Dom stammen könnten. Erst von nahem ist ihr Barock zu erkennen, dessen Überschwang sich der uralten tradierten strengen Form unterworfen" hat. Völlig eigenständig jedoch zeigt sich die armenische Kultur in ihren zentralen Heilsgütern: „Surb Myroni katsan" heißt das eine. Als kostbares duftendes Heilsöl, Alttestamentarisches und Antike fortsetzend, wird das Myron jährlich aus vierzig Ingredienzen gemischt, um die Gläubigen zu salben. Das Gefäß, 1817 in Konstantinopel entstanden als subtile Mischung mittelalterlicher, barocker und arabesker Stilelemente, wird ergänzt vom „Myronataph Aghawni", einer silbergetriebenen Taube zur Spende des Öls. Sie symbolisiert den Heiligen Geist. Er dominiert, anders als in vielen christlichen Konfessionen, die allen Christen gemeinsame Symbolfigür der Dreifaltigkeit.

Nicht der leidende oder erbarmende Christus, nicht der zürnende oder verzeihende Vatergott, sondern der reine göttliche Geist steht im Zentrum des armenischen Glaubens. Um so erstaunlicher, daß um dieses Prinzip herum die Kirchenkunst Küikiens ein fulminantes „Theatron der Gnade Gottes" entfaltete, überreich an Gestalten und Bildern, Schriften und Reliquiaren. Ihre Faszination gipfelt in den drei Armreliquiareogder frühchristlichen Heiligen Gregor, Sylvester und Nikolaus. Über alle Reparaturen und Ergänzungen späterer Epochen hinweg leuchten in diesen segnend ausgeätzten Händen die Kunst, der Glaube und die Magie der Antike auf.

DIETER BARTETZKO in der Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mittwoch, 27. September 2000
Nr. 225
Seite 55
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