26. November 2003
Zwei Ausstellungen in Einer halben Stunde?
ja, das geht.
Wenn die Ausstellungen so leer und nichtssagend sind wie die gegenwärtige Ausstellung im Kunstverein Hamburg, in der Künstler das machen, was ein Geographie-Student im ersten Semester auch tut: kartieren.
Oder so ähnlich. Nur schlechter. Und bedeutungsloser.
Oder so zusammengewürfelt, aber auch leer wie die Ausstellung "junge Hamburger Künstler" im Kunsthaus Hamburg.
Diese Ausstellung ist im Gegensatz zur Kunstverein-Veranstaltung unverkrampft, weniger besetzt mit vermeintlicher Bedeutung, aber auch hier gibt es außer 3 Fotographien in bester Architektur-Fotographie-Manier nichts, was hängenbleibt, reizt, stört
Belanglos oder langweilig. Oder einfach am falschen Platz. Was macht Urlaubsbilder aus Rußland zur Kunst? Der Ort? Weil da keine Pauschaltouristen waren? Das reicht nicht.
Aber es reicht vieles nicht. 30 Minuten jedoch haben gereicht. Für beide Ausstellungen.
26.11.2003, 19:56 Kategorie: Kunst
16. November 2003
Alltägliche Gewalt
Regionalexpress Hamburg-Altona nach Bremen, 8:00 morgens
nur 4 Reisende, alle weiblich, im oberen Fahrgastraum, jede für sich
eine junge Frau sitzt an das Fenster gelehnt und hat ihre Füße auf das Polster gegenüber gelegt, Schuhe ausgezogen
ein Mann mit Aktentasche kommt die Treppe hoch, sieht sich um, setzt sich auf den Platz der jungen Frau schräg gegenüber, die Tasche auf die Oberschenkel gestellt, sieht sich wieder um
steht auf, geht durch den Wagen, sieht sich um, kommt zurück, setzt sich wieder auf den Platz, die Aktentasche auf die Oberschenkel gestellt
nach wenigen Minuten stellt er die Aktentasche neben sich auf den Sitz, rutscht dadurch näher zum Fenster hin, sieht sich um
ein Mann um die 45, Anzug, Aktentasche, Büro, geduckter Typ
er sieht sich wieder um, ich sehe ihm direkt ins Gesicht
die junge Frau nimmt die Füße vom Gegensitz, setzt sicht aufrecht hin
nach kurzen Minuten rückt der Mann auf den Fensterplatz, ihr direkt gegenüber
er zieht eine Zeitung aus der Aktentasche, hält sie hoch, vor sein Gesicht, schaut aber oft über den Rand und sieht sich um, ich sehe ihm ins Gesicht
Der Mann ändert die Fußstellung, nimmt die Beine der jungen Frau zwischen seine Beine
hält die Zeitung hoch, gibt vor zu lesen, sieht aber ab und an über den Rand
die junge Frau versucht sich die Schuhe anzuziehen, kommt dabei zwangsläufig in Kontakt mit seinen Beinen, er hält die Zeitung hoch, liest immer noch die gleiche Vorderseite
nach einigen Minuten setzt sich die junge Frau auf den Gangplatz, er hält die Zeitung hoch, gibt weiterhin vor zu lesen
als der Zug hält, steht er auf, geht in die eine Richtung zum Ausgang
die junge Frau geht in die andere Richtung, ich tippe ihr auf die Schulter und sage "Sie müssen sich wehren"
sie sagt sie konnte das nicht
ich versichere ihr daß ich ihn nicht laufen lasse
ich gehe ihm sehr schnell nach zur Bahnsteigtreppe
er geht wie alle anderen zur Treppe
ich überhole ihn und schnauze ihn an "Was fällt Ihnen ein, die junge Frau so zu bedrängen. Was nehmen Sie sich heraus. Wenn Sie das noch einmal machen.."
er zuckt zusammen, stockt im Gehen, stammelt Entschuldigung, Entschuldigung"
ich sage "Wenn Sie das noch einmal machen"
nun denke ich darüber nach, warum ich erst so spät aktiv geworden bin
warum ich so lange zugeschaut habe, ich habe die Situation doch so schnell bemerkt
zuerst dachte ich, die junge Frau muß sich selbst wehren
dann sah ich, daß sie es nicht kann
aber ich stehe nicht auf und greife nicht in die Situation ein
es macht keinen Sinn mir jetzt auszumalen wie ich hätte eingreifen können
ich kann nur feststellen, daß die alten Muster immer noch greifen, Männer üben Gewalt aus, überschreiten Grenzen und Frauen sind gelähmt
erst wenn ich in Bewegung bin (Aussteigen aus dem Zug), kann ich auch eingreifen
aber mich in Bewegung setzen um einzugreifen, das habe ich auch nicht geschafft
ich kenne diese Angstlähmung auch, jede Frau kennt das
aber jede Frau hat auch Bedenken, sich in einer solchen Situation zu wehren, als hysterisch zu gelten, denn eigentlich ist ja alles ganz "normal", läuft eben unterschwellig ab und ist genau kalkuliert
16.11.2003, 12:24 Kategorie: Alltagsgewalt