22.06.2009 ::
Philippe Jaccottet: Notizen aus der Tiefe
So stelle ich mir eine Rezension vor, die dem schwierigen Thema der Lyrik-Besprechung gewachsen ist:

"Weit geöffnete Fenster und Türen", „Schreiben, damit es vor sich hin summt“. Carl Wilhelm Macke über Philippe Jaccottets Augenblicksskizzen Notizen aus der Tiefe.
Im
Titel-Magazin.
Allein dieser Satz:
Ihn zu lesen in, die Wiederholung ist hier zulässig, in einer so wunderbaren deutschen Sprache, die wir meisterhaften Übersetzern verdanken, ist ganz einfach ein Schutz „gegen die schlimmsten Stürme“, denen man Tag für Tag im Meer der Werbespots, der Politikerplatitüden, des Talk-Mülls ausgesetzt ist.
Tut das nicht gut? Wenn ein so wunderbarer Dichter so gewürdigt wird, seine Texte so genossen werden?
Ich freue mich sehr über diese Rezension. Ich lese Jacottet ebenfalls mit sehr viel Freude und Sympathie, bin durch Felix Philipp Ingold auf ihn "gekommen" und das ist auch etwas, wofür ich dankbar bin.
Philippe Jaccottet: Notizen aus der Tiefe.
Deutsch von Friedhelm Kemp, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz.
München: Edition Akzente, Hanser Verlag 2009. 168 Seiten. 17,90 Euro.
22.06.2009 Kategorie: anzuraten
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21.06.2009 ::
männlicher Rückblick und Abschied

Andrè Gorz schrieb einen
Brief an D.
Es ist ein Abschiedsbrief, ein Lebensbericht. Er schreibt ihn an seine Frau, mit der er wenig später aus dem Leben scheiden wird.
Dieser Brief hat Aufsehen erregt, war doch der Autor einer der prägenden Kultur-Philosophen des 20. Jahrhunderts, Gefährte Sartres. In Frankreich und auch in Deutschland wird er gelesen.
Alle Rezensenten sind angetan von diesem Werk, und ich spüre beim Lesen einen unterdrückten Ärger. Dieser Mann beschreibt in diesem Brief sein Leben, sein Leben mit seiner Frau, die es 60 Jahre mit ihm geteilt hat, aber diese Frau kommt nicht vor, diese Frau ist für ihn nur ein Spiegel. Sie regelt den Alltag für ihn, sie verdient mit, sie ist schön, selbstbewußt, aber? Sie kommt nicht vor.
Das merkt er dann er auch. Aber erst am Beginn dieses Rückblickes. Als es zu spät ist. "Warum nur bist du in dem, was ich geschrieben habe, so wenig präsent, während unsere Verbindung doch das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist?" Und er formuliert die Frage so, als richtete er sie an seine Frau. Er müsste sie an sich selbst richten.
Das schafft er aber nicht.
So wird er von den Rezensenten ob dieser viel zu späten Einsicht gelobt. Er, ein Meisterdenker des 20. Jahrhunderts, immer vorne dran, aber zuhause der ganz gewöhnliche Mann, der seine Frau liebt, aber nicht wahr nimmt.
Wieder einer von diesen Salonsozialisten, die etwas wollen, was sie selbst nicht verstehen: Freiheit der Person und Respekt.
Die männliche Brille ungetrübt von jeder Aufklärung - aber d
e mortuis nil nisi bene und so lasse ich es denn bei meinem persönlichen Ärger.
André Gorz: Brief an D
Verlag: Btb (2. März 2009)
ISBN-10: 344273875X
ISBN-13: 978-3442738755
Originaltitel: Lettre à D. Histoire d'un amour
21.06.2009 Kategorie: Standpunkt
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"Funkstille" aber nicht Lesepause
so lange habe ich nicht mehr geschrieben, das bedeutet aber nicht, daß ich das Lesen aufgegeben hätte.
Ich war aber in meinem täglichen Leben so eingespannt, dass ich gerade noch versuchen konnte, das Lesen zu retten, aber nicht das Berichten über das Lesen.
Das hätte den gelesenen Büchern nicht gut getan.
Und so blieb der letzte Band der Erzählungen Scharlamows aus Kolyma auch ungelesen.

Dieses fast ohnmächtige Lesen ist ein Lesen ohne Speichern, ich versuchte als Lesende den Faden nicht zu verlieren, und der Inhalt rauschte dann, aufgeteilt in einen oder zwei Abende, an mir vorbei.
Da ich mich in Hannover aufhielt, war die Buchhandlung Decius in der Nähe und lieferte den Lesestoff, in der Markthallen-Gaststätte wurden dann die Kapitel während der Abendessen gelesen. Ein solches Lesen tut nicht gut und so war ich bei der Auswahl der Lektüre auch darauf bedacht, kein Buch zu wählen, das durch ein solches Lesen Schaden nähme.
Ein paar Anthologien, ein Maigret aus der neu-aufgelegten Maigret-Reihe bei Diogenes, ein Büchlein mit Bibliomania, das wars eigentlich, wurde wahrgenommen, aber nicht wichtig genommen.
Zwei Bände jedoch blieben haften, die deshalb in einem weiteren Beitrag.
21.06.2009 Kategorie: Leseerfahrungen
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22.04.2009 ::
Lange Pause
durch Erschöpfung, permanente Berufsreisen, Aufenthalte in heruntergekommen Maritim-Hotels und durch andere Gründe kam ich in letzter Zeit zwar zum Lesen, aber nicht sehr zum intensiven Lesen.
Einige Bücher waren zwar nett zu lesen, sind aber nicht wert, ausführlicher besprochen zu werden, z. B. Ulrich Tukurs Venedig-Erzählungen "Die Seerose im Speisesaal"...
Aber auch das neue Haus in Ostvorpommern hat Zeitvertreib geboten, sodaß nicht viel Zeit zum Lesen blieb.

Ich möchte aber auf ein Buch hinweisen, das mich seit Monaten beschäftigt und das so stark auf mich wirkt, daß ich nicht mehr als eine Erzählung daraus alle paar Tage ertragen kann:
Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma.
Noch nie in meinem Leben habe ich eine Sprache gehört, gelesen, die so klar und unprätentiös berichtet und die es ermöglicht, den furchtbaren Schrecken zu erfahren, der die Menschen so geknechtet hat.
Die Erschöpfung, die Qual, der schnelle Verlust der Individualität und Menschlichkeit, den jeder erleidet, der dem Lagersystem ausgeliefert ist, ist fast nicht zu ertragen. Als Leser.
Wie hat das Warlam Schalamow aushalten können? Er hat jeden Respekt, der nur möglich ist, verdient.
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22.04.2009 Kategorie: anzuraten
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05.03.2009 ::
fabulierende Deutungslust
Peter von Matt kann das. Seit Jahrzehnten lebt er droben im Licht, eingemummelt in Bücher, und gibt sich der Lust hin.

So schön wird auf
Titel-Magazin.de das neue Buch von Peter von Matt besprochen.
Gisela Trahms schreibt voller Zuneigung.
Und wie sie Recht hat.
Eine Leseprobe aus diesem Buch, von dem ich nun schon im Vorhinein weiß, daß es großartig ist, gibt es auf der
Hanser-Seite.
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05.03.2009 Kategorie: Poesie
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22.02.2009 ::
Liebesdienst?

Ist es ein Liebesdienst, wenn auf einer detaillierten Buchbesprechungsseite des heiß geliebten
Perlentauchers das Buch "Geheimbrief" von
Erika Burkart vorgestellt wird, und unter der Rezensionsnotiz folgende Links stehen:
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
* Deutsche Lyrik 2008
* Die alternde Gesellschaft
Das kommt davon, wenn Robots automatisch Tags generieren oder wurde das Schlagwort "Die alternde Gesellschaft" doch von einem Menschen erstellt?
Dann wäre das eine Infamie gegenüber der wunderbaren Erika Burkart.
22.02.2009 Kategorie: Poesie
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29.01.2009 ::
Können Bücher trösten?
Auf diese und weitere Fragen gab
Michael Krüger, Verleger (Carl Hanser Verlag) und Autor, ausführlich und bereitwillig Auskunft.
In einem ZEIT-Gespräch, veröffentlicht auf
http://www.zeit.de/2009/01/DOS-01-Krueger
Es ist gar nicht möglich, aufzuzählen, welche großen Namen er in dem
Verlagsprogramm vereint, und am liebsten ist mir seine
Edition Akzente. Nennen möchte ich aber auf jeden Fall
Bruno Schulz.
Da finden wir Lyrik von
Oskar Pastior und
Felix Philipp Ingold, Texte zur Neuen Musik von
Schnebel und auch der große
Karl Schlögel mit seinem großen Werk
Terror und Traum. Moskau 1937. Er hat
Josef Brodsky verlegt und
Czeslaw Milosz

Dieser Michael Krüger veröffentlichte 2008
"Literatur als Lebensmittel", Reden und Aufsätze und Beiträge über den
Betrieb. Aus allen Texten ebenso wie aus dem o.g. Gespräch übernimmt der Leser eine Aufmerksamkeit und Wertschätzung der Literatur, der Autoren, der Dichter und der Freunde.
Michael Krüger ist klug und weiß viel. Er bringt Dinge zusammen, schließt Themen zu Zirkeln, öffnet Horizonte.
Solche eine Verlegerpersönlichkeit gibt es nur wenige.
Ich bin dankbar für seine Arbeit und wünsche seinen (und meinen) Autoren viele Leser.
29.01.2009 Kategorie: Verlage
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28.01.2009 ::
John Updike †
als Gymnasiastin hatte ich eine Vorliebe für amerikanische Literatur,
Bernard Malamud, John Updike und
Henry Miller begleiteten mich durch viele Schul- und auch noch Studienjahre.

Ich erinnere mich, daß ich als Leseproviant für eine große Semesterferien-Reise (Griechenland und Türkei) Thomas Mann, für eine Spanien-Marokko-Reise Heinrich Mann und eben für eine Griechenland-Türkei-Persien-Reise John Updike eingepackt hatte.
Die Hasenherz / Rabbit-Bände, Ehepaare, Das Fest am Abend, Das Gottesprogramm, Das Fest am Abend, sie alle stehen noch in meinem Bücherregal und aus manchen rieselt der StrandSand.
John Updike beschrieb das Leben in den amerikanischen Kleinstädten, dem Uni-Campus, er beschrieb die großen Lebensträume und die nicht ganz so großen Realitäten, die Illusionen und die Erbärmlichkeit und für mich, die ich am Anfang meines Lebens stand, war das sehr aufregend.
Nun ist John Updike gestorben. Der Rowohlt-Verlag listet eine
imposante Reihe Updikes auf, hat aber auf der Webseite noch nicht mitbekommen, daß dieser große Autor verstorben ist. Oder gibt es dort keine Würdigungen mehr?
John Updike hat meine Lese- und Lebenslust geprägt.
28.01.2009 Kategorie: Leseerfahrungen
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13.01.2009 ::
Wer zur Arbeit geht,

hat den Tod überwunden. Tag für Tag, fünfzig Jahre lang. Er wehrt sich nicht mehr. Er haßt still vor sich hin. Wenn er Glück hatte, kam ein Krieg.
So schrieb Wolfgang Koeppen.
Irgendwann hörten wir diesen Satz im Radio: "wer zur Arbeit geht, hat den Tod überwunden." Er wurde zu einem geflügelten Wort. Aber wir wußten nicht, daß er von Koeppen stammte.

Nun hab ich mir die Prosa aus dem Nachlaß "Auf dem Phantasieroß" vorgenommen. Und lese mich durch. Es ist schwer. Vieles ist zu Recht nicht veröffentlicht. Aber ein solcher Band hat ja vielleicht eine andere Aufgabe: nicht Lektüre allein, sondern Dokumentation eines Schreiber-Lebens....
Und dann komme ich zu
Morgenrot / Beginn einer Erzählung. Und da steht dieser Satz.
Koeppen überrascht mich immer wieder.
Er ist immer da.
Siehe auch "
Glückliche Fügung in Greifswald"
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13.01.2009 Kategorie: Koeppen
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07.01.2009 ::
"Das Hemd" von Jewgenij Grischkowez
Auf
www.buchbestattung.de habe ich ja schon das Hin und Her um die Buchgestaltung aufgespießt, hier nun aber noch ein paar Anmerkungen zu dem Buch selbst.
Der Autor nutzt hier eine beliebte literarische Form: das Protokoll. Der Erzähler ist auch gleichzeitig die Hauptperson, er erlebt und erleidet einen Tag in der Hauptstadt Moskau, einen Tag in der Schwebe zwischen Wunschtraum und Realität, Liebessehnsucht und Freundespflicht, Alltagssituationen und heftigsten Erschütterungen.
Ich möchte dieses Buch in eine Reihe stellen:
- Moskau Petuschki ist Wenedikt Jerofejews innerer Monolog einer imaginären Zugfahrt in der sowjetischen Stagnation
- Moscoviada ist Yuri Andrukhovics Schilderung eines Tages als Student in Moskau
- Das Hemd ist ein Tag im nachkommunistischen Moskau, im hochkapitalistischen Moskau.
Alle drei Bücher haben ihre Meriten, dieses hier:
- es liest sich leicht, ist aber nicht oberflächlich
- es überrascht
- es fasziniert.
Moskau-Kenner ziehen sicherlich noch mehr Vergnügen aus der Lektüre, läßt sich doch so mancher Ort wiedererkennen
07.01.2009 Kategorie: Russisches
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