Lesebuch:: Literarisches auf Avantart :: anzuraten

"Es ist ein Zeichen geistiger Freiheit, einen Bestseller nicht gelesen zu haben."

Paul Hindemith, 1895-1963


28.11.2009 :: Nachtrag: Zwölf Stationen
Zwölf Stationen
Die Zahl Zwölf hat es in sich: Apostel, Kreuzweg, Monate, ist die Basis des Duodezimalsystems, steckt in der Musik, bildet ganze Inselgruppen in der Ägäis, Tierkreiszeichen und und und... was davon verbinden wir Leser mit "Zwölf Stationen" von Tomasz Rózycki ?

Einen Kreuzweg auf jeden Fall. Aber einen Kreuzweg der polnischen Art, durch den Alltag in Schlesien und seinen alltäglichen Wahnwitz.

Und das noch dazu als Vers-Epos.
Da bleibt einem glatt die Spucke weg ob dieses Unterfangens. Und auch beim Lesen, denn Vers-Epen haben eine gewisse Atemlosigkeit, zwingen den Leser in einen Lese-Galopp, die Metrik treibt voran, Lesegeschwindigkeit korreliert mit Handlungsgeschwindigkeit oder ist auch des öfteren gegenläufig. Wenn der Erzähler mal wieder versackt zum Beispiel, in den Phantasien von der Wieder-Erbauung der Kirche in der verlorenen ukrainischen Heimat, vom Papst welcher den Festgottesdienst zelebrieren wird und diese Kirchenweihe zum Friedensfest per se geraten läßt. Wenn es denn so passiert.

Aber so geschieht es natürlich nicht.

Und nun genug der Worte. Die sieben Euro für das Bändchen sind leicht aufzubringen. Kaufen Sie dieses Buch, lesen Sie es, kaufen Sie es nochmal und verschenken Sie es!

Eine Rezension hat dieser Band erhalten bisher im deutschen Literaturraum, die Seite beim Perlentaucher: http://www.perlentaucher.de/buch/32861.html



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22.06.2009 :: Philippe Jaccottet: Notizen aus der Tiefe
So stelle ich mir eine Rezension vor, die dem schwierigen Thema der Lyrik-Besprechung gewachsen ist:

"Weit geöffnete Fenster und Türen", „Schreiben, damit es vor sich hin summt“. Carl Wilhelm Macke über Philippe Jaccottets Augenblicksskizzen Notizen aus der Tiefe.

Im Titel-Magazin.

Allein dieser Satz:
Ihn zu lesen in, die Wiederholung ist hier zulässig, in einer so wunderbaren deutschen Sprache, die wir meisterhaften Übersetzern verdanken, ist ganz einfach ein Schutz „gegen die schlimmsten Stürme“, denen man Tag für Tag im Meer der Werbespots, der Politikerplatitüden, des Talk-Mülls ausgesetzt ist.

Tut das nicht gut? Wenn ein so wunderbarer Dichter so gewürdigt wird, seine Texte so genossen werden?

Ich freue mich sehr über diese Rezension. Ich lese Jacottet ebenfalls mit sehr viel Freude und Sympathie, bin durch Felix Philipp Ingold auf ihn "gekommen" und das ist auch etwas, wofür ich dankbar bin.


Philippe Jaccottet: Notizen aus der Tiefe.
Deutsch von Friedhelm Kemp, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz.
München: Edition Akzente, Hanser Verlag 2009. 168 Seiten. 17,90 Euro.
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22.04.2009 :: Lange Pause
durch Erschöpfung, permanente Berufsreisen, Aufenthalte in heruntergekommen Maritim-Hotels und durch andere Gründe kam ich in letzter Zeit zwar zum Lesen, aber nicht sehr zum intensiven Lesen.

Einige Bücher waren zwar nett zu lesen, sind aber nicht wert, ausführlicher besprochen zu werden, z. B. Ulrich Tukurs Venedig-Erzählungen "Die Seerose im Speisesaal"...

Aber auch das neue Haus in Ostvorpommern hat Zeitvertreib geboten, sodaß nicht viel Zeit zum Lesen blieb.

Schalamow: Erzählungen aus KolymaIch möchte aber auf ein Buch hinweisen, das mich seit Monaten beschäftigt und das so stark auf mich wirkt, daß ich nicht mehr als eine Erzählung daraus alle paar Tage ertragen kann: Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma.

Noch nie in meinem Leben habe ich eine Sprache gehört, gelesen, die so klar und unprätentiös berichtet und die es ermöglicht, den furchtbaren Schrecken zu erfahren, der die Menschen so geknechtet hat.

Die Erschöpfung, die Qual, der schnelle Verlust der Individualität und Menschlichkeit, den jeder erleidet, der dem Lagersystem ausgeliefert ist, ist fast nicht zu ertragen. Als Leser.
Wie hat das Warlam Schalamow aushalten können? Er hat jeden Respekt, der nur möglich ist, verdient.

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15.06.2008 :: Lerche
LercheLerche von Dezsö Kosztolányi ist ein ganz stilles Buch.
So still, daß ich es fast beim Lesen selbst vergaß.
Ganz ruhig werden einige Tage in einem kleinen ungarischen Provinzstädtchen geschildert: Die Tochter ist für eine Woche verreist und die Eltern gehen ins Restaurant, ins Theater, der Vater trifft alte Freunde wieder und dann kommt die Tochter zurück.
Das ist wenig.
Das ist viel. Denn in diesen Tagen zerbricht eine ganze Welt.
Und ich als Leserin merke plötzlich, wie sich lesend meine Wahrnehmung ändert: die Beschreibung des Alltags in der kleinen Stadt hat gar nichts Anheimelndes, der Ort wird äußerst abschätzig geschildert, das alte Ehepaar befreit sich aus der lähmenden Gegenwart der Tochter, die altjüngferliche Tochter ist nicht das Opfer strenger oder engherziger Eltern, nein die Eltern haben im Zusammenleben mit ihrer Tochter ihre Spontaneität, ihre Freiheit, ihren Freisinn verloren, die Tochter hat die Fäden in der Hand.
Aber die Tochter ist auch nicht frei. Sie ist ebenfalls eingebunden in das alltägliche Arrangement der Verachtung aller Freuden des Lebens, auch sie kann sich nicht öffnen.
Ehe die Tochter heimkehrt, in einer Nacht, schlägt der Vater über die Strenge, spielt Karten, trinkt und im Rausch und im KaterJammer erkennt er plötzlich das Elend, in dem sie leben. Er spricht es aus, benennt es.
Aber dann kommt die Tochter zurück und das Leben geht weiter.

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19.04.2008 :: Volltext
ich glaube, ich habe die Literaturzeitung Volltext noch nicht vorgestellt. Aber ich kann sie nur aus vollstem Herzen empfehlen.

Schon das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe 02/08 zeigt die interessanten Themen, zeigt auf, wie jenseits des Mainstreams Autoren vorgestellt, gewichtet, gewürdigt werden.Dima Prigow

So findet sich ein langes Interview mit Dima Prigow, das wenige Wochen vor seinem überraschenden , unerwarteten Tod geführt wurde, ebenso wie ausführliche Essays.

So schreibt Ernst-Wilhelm Händler "Der Zwang zum Bewusstsein. Zur deutschsprachigen Prosa der Gegenwart"

Daraus ein kleiner Ausschnitt, ansonsten: kaufen Sie Volltext, abonnieren Sie Volltext!
Die gute Nachricht der Simulation von Literatur ist: Der Autor spricht im Roman nicht ständig von sich selbst. Das wäre kontraproduktiv, die Leserin würde kaum bereit sein, sich in den Autor hineinzuversetzen. Die schlechte Nachricht: Die Autoren sprechen außerhalb ihrer Bücher von nichts anderen als von sich selbst. Dabei korreliert das Unsäglichkeitsmaß der Selbstinszenierungen hochsignifikant mit dem Alter der Regieführenden.

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27.03.2008 :: ein ganz besonderes Buch
Bernhard Schlink, der Vorleser ist Der Vorleser von Bernhard Schlink.

In einer präzisen, klaren, unprätentiösen Sprache erzählt Schlink die Geschichte, die im Alltäglichen das Unfaßbare der deutschen Geschichte, das Abgründige und das Persönliche so verknüpft, daß uns Lesern wohl jede leichtfertige Urteilerei nicht mehr möglich sein wird.


Wenn man sich auf die Lektüre einlässt.

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09.02.2008 :: Der Weltensammler
Weltensammler Der Weltensammler" von Iliya Trojanow ist eines dieser Bücher, die gelehrt, aber nicht belehrend sind, deren Erzählkonstruktion bestrickend ist:

ein englischer Kolonialoffizier, der sich an Grenzen des englischen Kolonialreiches hinauswagt in die fremde Kultur, der begierig diese Kulturen studiert und sich ihnen ausliefert. Der die Sprachen erlernt, sich die Religion so aneignet, daß es nicht mehr sicher ist, ob er Christ oder Muslim sei, der die Quellen des Nils sucht.

Indien. Arabien. Afrika. Die Erzählperspektive ist immer die Anderer, sein Diener, ein beratendes Gremium, ein ehemals nach Indien verschleppter Sklave, der ihn an die großen afrikanischen Seen begleitet.

Allerdings war mir die afrikanische Plackerei dann doch zu anstrengend, ich konnte nicht mehr nachvollziehen, warum Burton sich diese Qualen antut, und es hat mich zum Ende des Buches dann auch nicht mehr so recht gepackt..

Aber trotzdem ein sehr lesenswertes Buch! Trojanow ist ein "wohltuender" Erzähler...

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01.09.2007 :: Das geheime Leben der Bücher
Das geheime Leben der Bücherist vielleicht nicht ganz der richtige Titel für dieses poetische Büchlein.

Eher "der Buchhändler".

Aber wie dem auch sei, ein wunderschöner, leichter poetischer Hauch, der von einem Menschen herüberweht, der sich in seine eigene Zauberwelt versponnen hat. Der drei Lieben verloren hat und der von drei Frauen von Anfang bis Ende vermißt wird.

Das geheime Leben der Bücher
Regis de Sa Moreira
170 Seiten
Droemer/Knaur (August 2005)
ISBN-10: 3426197111
ISBN-13: 978-3426197110
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21.08.2007 :: Die Schachspielerin
Bertrina Heinrich: Die SchachspielerinDie Schachspielerin von Bertina Heinrichs ist ein ganz wunderbares Buch, still, ruhig, unaufgeregt.

Und ist doch eine Geschichte aus dem Leben.

Sie zeigt auf, wie aus kleinen Momenten gänzlich unvorbereitet ein ganz Großes wird. Ungeplant und überraschend.

Aber wohlverdient.

Bertina Henrichs: Die Schachspielerin
Verlag: Hoffmann und Campe (Februar 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345503165X
ISBN-13: 978-3455031652

auch als Paperback bei Heine erhältlich
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19.11.2006 :: Bei der Gelegenheit
möchte ich mal gerne mal wieder auf meine Umsetzung der Lichtenbergschen Sudelbücher hinweisen, wenn's genehm ist...
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