Retortenwerk Klänge aus dem Computer
Wer glaubt denn noch daran, daß Computer die Arbeit erleichtern?
Alle. Obwohl das "papierlose Büro" zu einer Verfünffachung des
Papierverbrauchs geführt hat (Handbücher, Fehlausdrucke). Obwohl
ungezählte Stunden Lebenszeit bei dem Versuch verrinnen, eine banale
Programmfunktion zu ergründen. Trotzdem ist der Aberglaube, Computer
würden die fortgeschrittene Menschheit von der Fron der Drecks- und
Wiederholungsarbeit befreien, noch weit verbreitet.
Auch auf dem Sektor der Musik. "Algorithmus suchen, Klangmaterial samplen,
Knopf drücken - fertig ist das Meisterwerk."
Wer´s glaubt, hat´s nie versucht. Computermusik ist eines der undankbarsten
Geschäfte. Die Geräte sind unübersichtlich komplex, die
Probleme daher grenzenlos und die Resultate meist überaus bescheiden.
Das Stück FM 099.5 entstand, als die Donaueschinger Musiktage
dem Komponisten Franz Martin Olbrisch den Auftrag gaben, ein Stück
Computermusik zu erstellen, das einen Bezug zur Geschichte des Festivals
hat. Nun muß man wissen, daß Olbrisch in allem, was er tut,
etwas extrem ist. So verschwand der Komponist für zwei Jahre in den
Tiefen eines elektronischen Studios. Mit sich führte er unzählige
Tonbänder von Orchester- und Ensemblestücken, von Jazzkonzerten,
Installationen und Hörspielen, die in Donaueschingen aus der Taufe
gehoben worden waren. Ihnen entnahm er kleine und kleinste Klangschnipsel.
Gab sie dem Computer ein. Verformte sie. Puzzelte sie neu zusammen. Eine
Sklavenarbeit.
Und als er wieder zum Licht zurückkehrte, brachte er einen Klangkosmos
mit, der die neuere Musikgeschichte in nuce enthält und dennoch höchst
unikat ist. In FM 099.5 (Wergo 2054-2) verwendet Olbrisch
keinen einzigen eigenen Ton und schuf dennoch ein ganz und gar eigenes
Werk - keine Zitate, keine Assonanzen. Hörend
stellt sich die Art von Schwindel ein, die einen ergreift, wenn man etwas
wahrnimmt, was es eigentlich gar nicht geben dürfte: etwa ein Streicherflageolett,
das lauter als ein Orchestertutti ist oder eine fauchend angehauchte Flöte,
die ein ganzes Holzbläserensemble wegbläst. Die Proportionen
und Konsistenzen stimmen nicht - das Kleine
ist groß, das Leichte schwer, und das Weiche ist hart.
So liegt endlich einmal Computermusik vor, die nicht eine synthetische
Klangwelt voller Heuler, Piepser und sonstiger Science-fiction-Film-Effekte
vorgaukelt, sondern neue Perspektiven in die Musik einführt. Man könnte
fast zum Glauben zurückfinden, daß sich mit den Kisten doch
etwas Künstlerisches anstellen läßt.
Frank Hilberg in DIE ZEIT vom 6. August
1998
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