Urs Widmer, Das Buch des VatersAußer den wenigen, bisher in diesem Jahr besprochenen Büchern hab ich immer wieder Bücher angefangen und beiseite gelegt. Ein Buch, das hier  nicht gelistet ist, ist mir in Erinnerung geblieben: Das Buch des Vaters, von Urs Widmer.

Ein ganz ungewöhnliches, nachgängiges Buch, das die Lebensspanne des Vaters nacherzählt, mit den eigenwilligen Ritualen seiner Bergheimat bis zu den Freigeistereien der 20er und 30er Jahre, Alpenleben und Bauhaus, und vieles mehr.

Dann war lange Funkstille. Ich konnte einfach nicht lesen. Ich wünschte mir zu lesen, konnte aber nicht und wollte nicht lesen was mir zwischen die Finger kam.

Also legte ich immer wieder beiseite.

Dann habe ich mir aus Neugier einen Kindle gekauft. Und mit Büchern beladen, die ich schon eh mal lesen wollte, die vielleicht auch in Hamburg im Regal standen, aber in Gribow, am 2. Wohnsitz, nicht zur Verfügung standen.

Und so kam es, daß ich plötzlich wieder Lesefreude empfinde. Ein ganz eigenwilliges Werk der Weltliteratur ist da auf meinem Tableau:  Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman, von Laurence Sterne.

Ich wusste daß es dieses Buch gibt. Aber ich wußte nicht und erfahre es erst jetzt, welch extravagantes, exzentrisches Buch dies ist, 1758 oder 1759 geschrieben.

William Bunburry: The damnation of Obadiah

William Bunburry: The damnation of Obadiah

Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Und so wie Tristram Shandy immer noch im Geburtskanal seiner Mutter steckt und ich immer noch nicht erfahren habe, weshalb seine Nase krumm ist, stecke ich in den endlosen Disputen äußerst eigenwilliger versponnener englischer Herren, die sich um Festungsbauten, Theaterkritiken, Geburtshilfe und Verfluchungen ranken.

Ein ganz großer Genuß.

Jan 142011

Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken Der Band Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken von Arno Surminski war der Anlaß, weitere Bücher dieses Autors zu lesen. Da ich einige Tage im Krankenhaus verbringen mußte, las ich auch Sommer vierundvierzig: Oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen? und Jokehnen: Oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland? sowie Erzählungen des Autors.

In dem Roman Winter fünfundvierzig bringt Surminski zusammen, was sonst immer getrennt gesehen / erzählt wird: das Schicksal der KZ-Häftlinge, die Flucht der Bevölkerung aus Ostpreußen, das Schicksal der Menschen, die sich nicht auf die Flucht begaben, das Schicksal der Nachgeborenen. Denn dieses ist alles miteinander verwoben und aus der Trennung wächst die Verdrängung und das Leugnen.

Die klare, knappe Sprache des Autors muß ich nicht weiter beschreiben, seine Fähigkeit so zu erzählen, daß das ganze, eigentlich unsagbare Grauen wahrnehmbar wird. Es ist wichtig, aufzuzeigen, daß alle diese Geschehnisse gleichzeitig geschahen, dem gleichen System entstammen, das Schicksal der Bauersfrau und das der jungen Tänzerin aus Lodz miteinander verknüpft sind, bestimmt sind  durch  die unselige Ideologie des Nationalsozialismus.

Ich danke dem Autor dafür, daß er die KZ-Häftlinge in das Zentrum des Erzählens gerückt hat, daß er uns Leser zwingt, diese Geschehnisse wahrzunehmen.

Ich habe den Ort Palmnicken / Jantarny schon lange auf der Liste meiner Reiseziele, wollte dort seit Jahren hinreisen. Jetzt ist es mir nicht mehr möglich, nur wegen des Bernsteins dort hinzufahren. Jetzt gibt es für mich einen wichtigeren Grund: der Opfer zu gedenken. Am Strand von Palmnicken

Arno Surminski: Winter Fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Ellert & Richter (15. August 2010)
ISBN-10: 3831904219
ISBN-13: 978-3831904211

“poetische Merksätze” -das sind die Ortstermine von Felix Philipp Ingold, 116 Einzeiler und alle beginnen mit “Dort“.

Alle bis auf einen. Dort beginnt Fort.

116 Verweisungen. Knapp. Fordernd. Manche treiben zum nächsten Satz, manche zwingen zum Innehalten, drängen sich ins Gemüt, weben Assoziationen, Konnotationen, brennen sich ein.

Zu vielen dieser “Monosticha” – Einzeiler sah ich Bilder. (Auf www.zweiterblick.de steht meine Arbeit schon eine Weile online.)

Dort! Die Wand den Schelm zu pinnen

Dort! Die Wand den Schelm zu pinnen.

Einen anderen Ansatz der Präsentation der Ortstermine nutzt Theo Leuthold. Er liest die Ortstermine typografisch.
Jeder Satz auf einem Karton, 4 cm hoch, 40 cm breit.

Dort! Die Wand den Schelm zu pinnen

Diese Arbeit drängt mir eine ungewohne Art des Lesens auf:
Ich benötige einen freien Tisch, auf dem ich die Streifen ausbreite.
Das Auswählen der Streifen geschieht zufällig, wie ein Karten-Ziehen. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, keine chronologische Folge, einmal durchgeschaut ist die Ordnung der Seiten gemischt.
Der Bestimmtheit der Zeilen widersteht das Spielerische der Auswahl, der Präsentation.
So leicht blättert es sich dann nicht.

Schuber: 116 Monosticha

Ortstermine
Felix Philipp Ingold (Text), Theo Leuthold (Typografie)
116 Monosticha
in einem Kartonschieber
4 x 4 x 40 cm
50 signierte und nummerierte Exemplare
2010, Theo Leuthold Press, Zürich
ISBN 978-3-906690-06-3
SFR 170.– / € 117.–
Bestellung und Auslieferung:
Theo Leuthold Press, Zürich: atelier@theoleuthold.ch
Edition Howeg, Zürich: edition_howeg@datacomm.ch

Weitere Infos: Ortstermine_Karte A6

jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.
Все счастливые семьи похожи друг на друга, каждая несчастливая семья несчастлива по-своему.

So begann Leo Tolstoi seinen Roman Anna Karenina. Und dieser Satz prägte sich mir ein. Derart, daß ich in meiner ersten Photo-Ausstellung Der Zweite Blick 2000 in St. Petersburg diesen Satz mit dem nachstehenden Bild verquickte.

Alle glücklichen Familien

Dieser Satz ist Teil meines Gedanken-Fundus. Immer wieder blitzt er auf.
Und viele Erinnerungen knüpfen sich an diesen Satz.

So hörte ich einmal bei einer Busfahrt, wie ein wohl 13jähriges Mädchen ihren Freundinnen verwundert diesen Satz vorlas. Sie hatte ihn in einem Kalender gefunden.  Wohl keine hatte den Sinn sogleich verstanden, nicht erfaßt, warum eine solche Aussage in einem Kalender stünde. Ich mischte mich ein und erzählte ihnen, daß dies der Beginn eines ganz großartigen Romans sei, von einem russischen Schriftsteller, und daß sie es unbedingt lesen müssten, dieses Buch sei für jede junge Frau wichtig.

In dem leise-melancholischem Film “Die Eleganz der Madame Michel” kommen sich die Concierge und der neue, begüterte Wohnungseigentümer, ein Japaner aus einer ganz fremden Kultur, einander näher, da die Concierge diesen Satz brummelnd von sich gibt. Dadurch ändert sich ihr und sein Leben.

Es gibt viele solcher Begegnungen mit diesem Satz, gehört er doch zu den meistzitierten (schauen Sie nur mal bei Google nach).

Ich erinnere mich, daß ich bei der Lektüre des Romans nie richtig sicher war, ob Wronski Anna wirklich liebe. Diese Frage trieb mich so um, daß ich mehrere Freundinnen fragte:

то, что ты подразумеваешь, действительно любит Вронский Анну?
Was meinst du, liebt Wronski Anna wirklich?

Auch dieser Satz wurde zu einem geflügelten Wort, wenn auch nur in meinem Bekanntenkreis.

Matthias Wegehaupt: Die Inselzu meiner großen Freude fand ich gestern beim Besuch “meines” Buchladens, Bücher-Christiansen in Ottensen, um das Werk von Judith Zander, Dinge, die wir heute sagten, abzuholen, bei den Taschenbüchern “Die Insel” von Matthias Wegehaupt.

Letztes Jahr war dieses Buch das Buch des Sommers für mich gewesen,  ich hatte es damals beim Resteverwerter Jokers gefunden und immer wieder im Gespräch mit anderen Lesern die Verwunderung geäußert. warum dieses Buch nicht wieder aufgelegt wird. Angesichts der astronomischen Preise, welche für gebrauchte Exemplare gefordert wurden (zeitweise bis zu180,00 € bei ZVAB) war ich mir sicher, daß eine Neuauflage ihre Leser finden würde. Und ich konnte das Buch gar nicht so oft verleihen, wie es angefragt wurde (wollte ich auch nicht…)

Dieses Buch gehört für mich zu den unmittelbarsten literarischen Zeugnissen der DDR-Zeit in der “Nach-Wende-Literatur”, besteht jeden Vergleich mit dem Turm, und ist nun endlich wieder erhältlich, bei LIST, als Taschenbuch.

Matthias Wegehaupt: Die Insel: Roman
Broschiert: 1013 Seiten
Verlag: List Tb. (1. Oktober 2010)
ISBN-10: 3548610137
ISBN-13: 978-3548610139

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