Mai 312014
 

Jens Sparschuh, Ende der SommerzeitJens Sparschuh ist mir als Autor bekannt, aus Feuilletons und Rezensionen. Ich habe sicherlich auch schon Einiges von ihm gelesen.
Nun fand sein neues Buch meine Aufmerksamkeit, das Ende der Sommerzeit.

Und zwar, weil in den Rezensionen, die wie immer verdienstvoll vom Perlentaucher zusammengestellt, der Name „Vladimir Nabokov“ fiel.
Schon bin ich interessiert. Und suche mir das Buch heraus.

Es gibt zwei Ausgaben: eine klassische gebundene Ausgabe und eine Kindle-Ausgabe. Und da ich mir vorgenommen habe, nicht mehr soviele Bücher „in natura“ zu kaufen,  meine Regale können das nicht mehr fassen, lade ich die digitale Version herunter, auch wenn ich gar nicht einsehen mag, weshalb eine digitale Version nur 2€ günstiger ist als die gedruckte Ausgabe.

Schnell ist es gelesen, interessant, mit vielen Erzählebenen. Pubertät, Sommerferien, Jugend in der DDR, Prag 1968, intellektuelle Neurosen, Antriebslosigkeit und dann plötzlich dieses Thema, das alles aufwirbelt: wo hat Nabokov im Sommer 1929 denn nun tatsächlich ein Datschengrundstück gekauft?

Der Erzähler sucht und findet. Er findet zuviel und er findet das Falsche. Er versäumt viel und erinnert Vieles wieder oder wieder neu. Ein Entwicklungsroman und eine literarische Recherche, beides erfolglos. Und am Ende weiß er nicht wie weiter. „Erinnerung, sprich“ heißen Nabokovs Memoiren, und dieses Buch vergißt der Erzähler in der Datscha seiner Familie, von der aus er die Suche startet. Die Suche nach Nabokovs Sommerhaus. Die Erinnerung spricht so deutlich zu ihm, ruft soviele Erinnerungen wach, daß er das Buch selbst schließlich in der Datscha vergißt.

Die Kontroversen zwischen den Nabokovianern und den Anti-Nabokovianern, Nabokovs Abneigung gegen Freud, freudianische Literaturwissenschaftler, verklemmte Lieben und verbissene Nabokov-Adepten, all das  kommt genüßlich vor. Trotz vieler Hinweise und Spuren kann die Nabokovsche Parzelle nicht geortet werden, verliert sich.

Die Sommerzeit endet.
Nabokov hat aus finanziellen und wohl auch anderen Gründen nie die Datschenpläne realisiert, keine Sommerzeit dort erlebt.
Die erinnerten Sommerferien 1968 enden mit dem Einmarsch der DDR in Prag und der ersten zarten Liebe.
Eine neue Liebe versäumt der Erzähler um eine Stunde Zeitverschiebung …

Gut lesbar, amüsant, kenntnisreich, verwirrend, athmosphärisch stimmig, was soll ich weiter sagen?

Jens Sparschuh: Ende der Sommerzeit
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462046160
ISBN-13: 978-3462046168

Nov 272011
 

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichtsmöchte man den Titel von Eugen Ruges Debut-Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ weiterspinnen.

Mehrere Generationen einer Familie, vom überzeugten Kommunisten bis zum republikflüchtenden und auch ansonsten weltflüchtenden Enkel. Die erste Generation in diesem Buch (die Großeltern) gehen ob ihrer Überzeugung ins Exil nach Mexiko und zehren ihr ganzes Leben davon, einer ihrer zwei Söhne geht nach Moskau, wird ins sowjetische Lager verschleppt, heiratet eine Russin, kehrt mit ihr nach Ostdeutschland zurück, der 2. Bruder überlebt das Lager nicht, der rückkehrende Sohn baut die DDR mit auf und lebt ganz gut in ihr, sein Sohn (3. Generation) verschließt sich alldem und verläßt die DDR, verläßt später auch die vereinigte BRD und landet krebskrank wieder in Mexiko.

Ein Ring schließt sich, die großen Ideen hingegen sind auf der Strecke geblieben.

Ich möchte jetzt nicht den Standardsatz „Ich habe das Buch gerne gelesen“ ablassen, aber es liest sich gut. Nach meinem Dafürhalten hat es den Deutschen Buchpreis zu Recht gewonnen, der Autor ist ein würdiger Preisträger.

Die Kritik etlicher Leser kann ich nicht teilen, daß man den Geruch des Treppenhauses nicht in die Nase bekommt, zum Beispiel. Auch wenn ich nicht in der DDR aufgewachsen bin, ich kann mich an sehr ähnliche Empfindungen in westdeutschen Mehrfamilienhäuser der 60er Jahre mit den kleinsteinigen Treppenstufen und dem Samstagsputzgeruch sehr gut erinnern. Wird nicht sehr viel anders gewirkt haben.

Nun, so wie die große kommunistische Idee durch den Alltag im Leben der Protagonisten immer stumpfer wurde, die DDR immer mehr verkrustete, so dunkel es in der DDR zum Schluß war – ist es seitdem heller geworden? Ich bin mir nicht sicher.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Rowohlt; Auflage: 7 (1. September 2011)
ISBN-10: 3498057863 / ISBN-13: 978-3498057862
Dez 012010
 

Imre Kertész beschreibt in seinem Roman „Liquidation“ die Situation, welche gerade die Diskussion um Oskar Pastiors IM-Tätigkeit bestimmt. Die Verpflichtung zur Mitarbeit beim Geheimdienst liegt wie ein schwarzer Schatten über den Menschen, die in solche Situation gepresst wurden.

Und diejenigen, die das Glück hatten, in einer freieren Gesellschaft zu leben und nicht solchen Situation ausgeliefert zu sein, brauchen sich nicht zu erheben und zu postulieren, daß sie widerstanden hätten. Schon die Selbst-Prüfung, ob wir eine solche Erpressung ausgehalten hätten, der Verpflichtung widerstanden hätten, ist irrelevant, denn es macht ja gerade das Wesen des Totalitarismus aus, daß der Einzelne gebrochen wird.

Der Text von Imre Kertész ist eine gute Lektion für uns.

Um es euphemistisch auszudrücken: Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so einsam und verlassen gefühlt. Ab und zu blickten sie zu mir herüber, mal der eine, mal der andere, und ich erinnere mit mich mit Bestimmtheit eines bedrohlichen Moments, als in mir der schreckliche Gedanke aufkam, meine Vernehmer verabredeten vielleicht gerade, mich zusammenzuschlagen oder aber Fachleute ins Zimmer zu rufen, um mich zusammenschlagen zu lassen. Zum Glück geschah nichts dergleichen, doch das Erlebnis dieses Augenblickes hatte genügt, meine Selbstsicherheit auf fundamentale Weise zu erschüttern. Denn ich mußte mir ohne Umschweife eingestehen: Hätten sie mich zusammengeschlagen, oder vielmehr: hätten sie mich vor die Alternative gestellt, entweder zusammengeschlagen zu werde oder das Papier zu unterschreiben, hätte ich sehr wahrscheinlich die Unterschrift gewäht. Nicht mit Sicherheit, aber doch eher so als andersrum – das fühlte ich. Ja, ich war mir sogar sicher, daß ich, wenn ich das Papier – selbstverständlich unter physischem Zwang – unterschrieben hätte, diese Tat vor mir selbst ebenso hätte rechtfertigen können wie die natürlich sympathischere Variante, daß ich nicht unterschrieb, und mit dieser Ungewißheit war, wie soll ich sagen, nicht leicht zusammenzuleben. In meiner Einzelhaft quälte ich mich mit philosophischen Dilemmata: An metaphysische Mächte glaube ich nicht unbedingt, die ethischen Kategorien aber sah ich plötzlich fürchterlich schwanken. Ich mußte mich der nüchternen Tatsache entsinnen, daß der Mensch ein sowohl physisch als auch moralisch heillos ausgeliefertes Wesen ist; und das ist nicht leicht zur Kenntnis zu nehmen in einer Gesellschaft, deren Idee und Praxis allein von einer polizeistaatlichen Weltaschauung bestimmt ist und aus der es keinen Ausweg gibt und wo jede Rechtfertigung unbefriedigend bleibt, auch dann, wenn ich mir diese Alternativen nicht selbst stelle, sondern der äußere Zwang mich vor sie stellt, so daß ich im Grunde gar nichts mit dem zu tun habe, was ich tue oder was mit mir getan wird.

Imre Kertész: Liquidation

Roman

Gebundene Ausgabe: 150 Seiten

ISBN-10: 3518414933

ISBN-13: 978-3518414934
Suhrkamp, Frankfurt 2003, Seite 62/63

Nov 282010
 

Felix Philipp Ingold überließ mir den nachstehenden Aufsatz zum Abdruck im Lesebuch.
Der Aufsatz  ist eine erweiterte Fassung des bei der NZZ veröffentlichten Artikels „Die bedeutungsfreie Dichtersprache.“


Felix Philipp Ingold zur Causa Oskar Pastior

Meinem vorgerückten Alter zum Trotz bin ich um einiges zu jung, um im Fall Schlesak vs. Pastior (NZZ 17.11.2010) als Zeitzeuge fungieren zu können. Ich habe Oskar Pastior erst lang nach seiner Übersiedelung in die BRD kennengelernt, bin ihm immer mal wieder bei Lesungen begegnet, habe ihn des öftern privat in Berlin besucht und führte mit ihm ausserdem während Jahren eine kollegiale Korrespondenz in der archaischen Form handschriftlicher Briefe. Ich darf annehmen, dass er mich – so wie ich ihn – als Freund bezeichnet hätte, wiewohl ich nie zu seinem innersten Bekanntenkreis gehörte. Nur vorübergehend intensivierte sich unser Kontakt, als wir für eine Weile gleichzeitig in Rom zugange waren und uns fast täglich in der Stadt oder in der Villa Massimo trafen. Danach blieb es wiederum bei zufälligen Begegnungen und lockerem Briefwechsel.

Was uns, nebst den gemeinsamen literarischen Interessen, besonders verband, war das aufmerksame Hinhören und Hinsehen auf die politischen Entwicklungen der 1980er Jahre in Osteuropa und der Sowjetunion. Ich war damals wiederholt in der CSSR, der DDR und Polen unterwegs, worüber ich auch Oskar Pastior berichtete, der mich – als Schweizer – geradezu bestaunte wegen der Leichtigkeit, mit der ich jene Grenzen überschritt, und auch wegen der kritischen Ironie, mit der ich auf die  dort üblichen Zollschikanen und Kontrollmassnahmen reagierte: er selber würde „sterben vor Angst“ bei einem solchen Grenzübertritt, und sogar bei der Einreise nach Österreich überkomme ihn jedesmal ein „panischer Horror“. Mehrmals gestand mir Pastior, dass er noch immer befürchte, irgendwann wieder verhaftet und verschickt zu werden, und gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass er die Liberalisierungstendenzen im sogenannten Ostblock eher mit Skepsis denn mit Euphorie zur Kenntnis nahm.

Dass dieser markante, unter Kollegen allseits beliebte Dichter nun in begründetem Verdacht steht, im kommunistischen Rumänien nicht nur ein Verfolgter, sondern auch ein Verfolger gewesen zu sein, macht sicherlich viele seiner Freunde nachdenklich, wenn nicht ratlos und ist auch für mich Anlass, an einige besonders einprägsame Momente zurückzudenken, sie im scharfen Licht der jüngsten Enthüllungen neu zu bewerten.

Erster Moment: ein Privatbesuch bei Oskar Pastior in seiner Wohnung an der Schlüterstrasse in Berlin. Wir reden über unsere aktuellen Beschäftigungen und Lektüren. Er berichtet von einem Besuch bei den „Oulipoten“ in Paris, von Begegnungen mit Jacques Roubaud und Harry Mathews, von seiner Entdeckung und Übersetzung des rumänischen Avantgardepoeten Urmuz, den ich eigentlich für eine von ihm, Pastior, erfundene Kunstfigur gehalten hatte. Beim Drehen einer Zigarette eröffnete er mir dann aber ziemlich überraschend, dass er „trotz allem“ besonders gern Schundliteratur lese und sich am liebsten B-Movies und TV-Krimis ansehe, „vor allem Krimis“, deren Faszinosum doch darin bestehe, dass wir dabei immer auch uns selbst – „da wir ja alle irgendwie kriminell sind“ – auf die Sprünge kommen.

Zweiter Moment: Ein Workshop mit Pastior in Goslar. Thema der Veranstaltung war „Das Wort“. Es gab Lesungen, Referate, Diskussionen. Als mir in Beantwortung einer Frage aus dem Publikum die etwas pathetische Formulierung unterlief, die Poesie habe „die Würde des einzelnen Worts gegenüber der Aussagekraft des Satzes“ zu festigen, unterbrach mich Pastior mit der dezidierten Zwischenbemerkung, eine „Würde des Worts“ gebe es für ihn nicht, er halte sich vielmehr an „das Würde des Worts“, denn alles Sprachliche sei „konditional und konjunktivisch“.

Dritter Moment: Die Feier zu Pastiors 60. Geburtstag (oder war’s der 65.?) in der Berliner Akademie der Künste. Zusammen mit mehreren Dichterkollegen sollte ich auf dem Podium vor grossem Publikum eine kleine lyrische Huldigung darbieten, und es war vorgesehen, dass der Jubilar am Schluss ein kurzes Dankeswort sprechen würde. Diese unaufwendige, eigentlich selbstverständliche Geste wurde für Oskar Pastior auf der Stelle zum Problem. Es komme für ihn nicht in Frage, an der Öffentlichkeit „frei zu reden“, sagte er, und er werde statt dessen ein paar Sätze aus seinem jüngst publizierten Buch auswählen, sie neu gruppieren und als Wortmontage vortragen. Ich sass rechts neben ihm am Tisch auf der Bühne, und er flüsterte mir zu: „Du weisst doch, dass ich Bedeutung hasse.“ Ich weiss, ich wusste auch damals, dass Pastior nach einer bedeutungsfreien Dichtersprache suchte, dass er keinen Bedeutungsraum hinter oder zwischen den Wörtern gelten lassen wollte. Gelten sollte das Wort als solches, das Wort als Klangleib ? nichts besagend, bloss leichthin an die Sinne rührend. Die im gedruckten Text unterstrichenen Verse rezitierte er dann so, als handelte es sich um eine lyrische Improvisation eigens zu jenem Anlass.

Naturgemäss stellt sich nun im Rückblick die Frage, ob nicht überhaupt Pastiors dichterische Arbeit, die man so gern als „hermetisch“, „formalistisch“ oder wenigstens als „ludistisch“ bezeichnet hat, darauf angelegt war, in kunstvoller Weise „nichtssagend“ zu sein, und ob sein konsequentes Bemühen, seine Texte von aller Bedeutung und vorab von jeder Eindeutigkeit freizuhalten, nicht auch andere denn poetologische Gründe hatte. Ausser Frage steht nun jedenfalls, dass die Pastior-Philologie noch einmal über die Bücher gehen und nach allfälligen Spuren verdrängter „Bedeutung“ suchen muss. Womöglich steht bei diesem „dunklen“ Dichter doch weit mehr zwischen den Zeilen, als er selbst es wahrhaben wollte und als die Kritik es bisher erkennen konnte.

Aug 122010
 

Oleg Jurjew: Die russische FrachtDieses Buch wurde interessant besprochen, wurde gelobt und herausgestrichen und nicht zuletzt wurde aus ihm bei der letzten Greifswalder Kulturnacht im Antiquariat Rose vorgelesen.

Der Klappentext stellte es in den gleichen Zusammenhang wie der belesene Antiquar, rückte es in die Nähe von „Die Reise nach Petuschki“.

Es wurde übersetzt von Elke Erb und Olga Martynova, gelobt von Ilma Rakusa in der Zeit.

Aber auch diese Dreierbande half nicht: ich fand nicht in das Buch. Ich fand den Witz nicht und stand auf so manchem Schlauch, obwohl ich doch ansonsten in russischer Kulturgeschichte nicht unbewandert bin.

Ich sollte es einfach nur zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal hervorholen.

Oleg Jurjew: Die russische Fracht: Roman
Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (23. Februar 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518420763
ISBN-13: 978-3518420768
Originaltitel: Vineta

Der Inhalt, wie er auf der Verlagsseite steht:

Vor Kriminellen, die ihm nach dem Leben trachten, flieht Weniamin Jasytschnik im Petersburger Hafen auf ein ukrainisches Frachtschiff. Ein Gespensterschiff, wie sich herausstellt, das u. a. Weniamins buntgescheckte Vergangenheit in Gestalt äußerst lebendiger Leichen an Bord hat. Mit von der Partie: ein singender Kapitän und sein Vielvölkerteam, dazu: ein estnischer Grenzer, eine in Polen verlorene russische Priesterbraut, ein deutscher Spion, der durch einen Oligarchen zu Reichtum gekommen ist … Die abenteuerliche Reise des Weniamin Jasytschnik beginnt. Wohin führt sie? Nach Vineta vielleicht, in die versunkene, märchenhaft glückliche und reiche Stadt in der Ostsee – eine enge Verwandte Petersburgs, wie sich überraschend erweist. Zar Peter der Große wirkt mit, als »fliegender Holländer« und Herkules des Nordens zugleich. Und endlich kann sich der nostalgische Held von den Verstrickungen seiner spätsowjetischen Kindheit und Jugend befreien.

Vineta, Usedom, St. Petersburg – es half nichts…