Eigentlich wollte ich nichts mehr schreiben über Frau Schwalms verunglückten Aufsatz über die von ihr unterstellte Selbstprofilierung der Literaturblog-Schreiber im deutschsprachigen Internet. Auf Buchbestattung.de habe ich mich ja schon ausführlich dazu geäußert.

Aber dann hat Markus Kolbeck ein Zitat von Virgina Woolfe in sein Bücherlei gestellt, das ich hiermit “mopse”.

Diese Aussage trifft den Fehler des Artikels genau.

Der gewöhnliche Leser unterscheidet sich von Kritikern und Gelehrten. Er ist weniger gebildet, und die Natur hat ihn weniger freigebig begabt. Er liest zu seinem eigenen Vergnügen und nicht unbedingt, um Wissen zu vermitteln oder die Meinung anderer zu korrigieren. Vor allem aber leitet ihn das instinktive Bestreben, eigenhändig aus allem, was ihm zufällig in die Finger gerät, etwas Ganzes zu gestalten. (Virginia Woolf)

Odojewski: Sommer in Venedig

Odojewski: Sommer in Venedig

Meinem Urteilsvermögen vertraue ich und ich gebe meine Meinung auch des öfteren ungebrochen und vehement kund, aber ab und an zweifel ich doch.

In solchen Fällen hilft mir die Kitschprobe: ich erzähle einer anderen Person das Buch in einem Fluß, geradeheraus und frei Schnauze … und gebe in einem letzten Satz dann meine Einschätzung ab.
Am Tonfall, am Redefluß merke ich dann selbst, ob mir das Buch gefallen hat, ob ich mich geärgert habe, ob es Kitsch ist, ob es verträglicher Kitsch oder zukleisternder Kitsch ist..

Bei dem Sommer in Venedig habe ich gezweifelt. Solche Bücher liegen mir am Herzen: Jungs zu Beginn des Weltkrieges erzählen ihre Kindheit, das Ende ihrer Kindheit. Mit dieser Thematik habe ich schon meine Staatsexamensarbeit bestritten…

Und dieser Junge träumt von Venedig, die Flüchtlinge, die am Obstgarten vorbeiziehen, wo er bei seiner Tante den letzten Kindheitssommer verbringt, träumen allerdings nicht mehr.

Und der sterbende Soldat, in dessen brechenden Augen sich die Abendsonne spiegelt, hat endgültig ausgeträumt.

Ich kann mich dem Urteil der Leser, so wie sie z.B. auf Amazon das Buch loben, nicht anschließen. Und ich finde es auch ausgesprochen degoutant, wenn neben dem vortrefflichen Inhalt die feine Ausstattung des Buches (Umschlag, Innenrückenseiten, Lesebändchen) gerühmt wird.

Nicht bei einem solchen Thema.

Wlodzimierz Odojewski: Ein Sommer in Venedig
Verlag: Schirmergraf; Auflage: 1 (2007)
ISBN-10: 3865550444
ISBN-13: 978-3865550446

er hat immer wieder recht und es gibt immer wieder Gründe, den Lichtenberg herauszukramen.

Lichtenberg

Lichtenberg

So ist bei Zweitausendeins ein Reprint der Leitzmannschen Ausgabe von 1902-1908 erschienen.

Was mich dazu brachte, die alte Ausgabe(n) wieder einmal aus dem Regal zu holen, abgenutzt sind sie, obwohl sie sicherlich die letzten 30 Jahre nicht sehr oft angesehen wurden. Das wird sich ändern.

Lesen heißt borgen, daraus erfinden abtragen

sie glaube, daß Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert” hätte, hat nichts von Heine gelesen / verstanden.

Ihm wäre schlecht geworden bei dem Gedanken, daß ein nach ihm benannter Preis an so einen Völkermordleugner wie Handke vergeben wird. Aber ihm wäre wahrscheinlich schon schlecht geworden bei dem Gedanken, daß ein Preis nach ihm benannt wurde.

Ich distanziere mich entschieden von meiner Geburtsstadt Düsseldorf, wo die Herrschaften so geistig verkommen zu sein scheinen, daß sie meinen, ein Freund Milosevics habe sich der Völkerfreundschaft verdient gemacht, denn dafür ist der Preis bestimmt..

Bruno Schulz

Bruno Schulz

die Süddeutsche veröffentlicht am 23.08.03 eine Erzählung des jungen Erzählers Gernot Wolfram: “Die Fresken“. (nicht mehr online)

Das ist nichts Ungewöhnliches und auch nichts Besonderes. Aber die Erzählung ist ärgerlich. Grund: Es geht um Bruno Schulz, den polnisch-jüdischen Dichter aus Drohobyzch, Kafka-Übersetzer und Maler, Sklave eines Offiziers, von einem Oberscharführer erschossen.

Bruno Schulz ist der Verfasser der Zimtläden, einer Sammlung surrealistischer, äußerst dichter Geschichten. Bruno Schulz war lange Zeit vergessen. In den 60er Jahren wurde sein Werk auch ins Deutsche übersetzt, bei Hanser verlegt. In letzter Zeit wurde er wieder wahrgenommen, als der deutsche Filmregisseur Benjamin Geissler zusammen mit seinem Vater die Fresken wiederentdeckte, die Schulz gezwungenermaßen in der Villa des Offiziers malen mußte.

Kurz nach den ersten Berichten über diese Entdeckung wurden diese Fresken von Mitarbeitern der Gedächtnisstätte Yad Vashem aus Israel rechtswidrig entfernt und in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus der Ukraine nach Israel verbracht. Eine kriminelle Annektion.

Und nun kommt dieser junge Mann daher, und schreibt eine Erzählung über diesen Kunstraub, in der Erzählhaltung eines der Beteiligten, mit schlechter Syntax, stilistischen Schwächen. Aber darum geht es nicht.
Es ist die Erzählhaltung, die ich verabscheue.

Er versucht leiseste Skrupel des Ich-Erzählers herauszuarbeiten, die er mit der ruhigen Selbstgewissheit und dem Ehrgeiz der anderen Kunsträuber, anders kann ich das nicht nennen, konfrontiert.

Aus Bruno Schulz macht er den Schriftsteller und Maler Zimt, Benjamin Geissler heißt Berger und ansonsten wird einfach erzählt. Er vereinnahmt das Schicksal des unglücklichen Schulz für eine pseudoliterarische Rechtfertigung des Kunstraubes.

Ich meine, hier wird Bruno Schulz wieder zum Opfer gemacht.
Genauso wie ihn Ugo Riccarelli in dem unsäglichen Machwerk Ein Mann, der vielleicht Schulz hiess zum Opfer machte.

Beide Autoren vereinnahmen den wehrlosen Autoren ebenso wie Yad Vashem ihn als israelischen Künstler vereinnahmt oder wie er in der Yahoo-Gruppe Bruno Schulz auf seine ethnische Zugehörigkeit reduziert hysterisch hochstylisiert wird.

Was soll das?
Warum vergreifen sich die schlechten Schreiber an Bruno Schulz?
Und warum veröffentlicht die Süddeutsche solch einen Schund in ihrer Wochenendausgabe?


Der Autor gibt auch Lesungen und die Lesungen werden z.B. so angekündigt:

Gernot Wolframs Geschichten berichten von Menschen, die plötzlich in eine Situation des Zweifelns geraten. Mit einem Mal werden ihre Überzeugungen brüchig, stimmen nicht mehr, verändern sich. Zum Beispiel geht es um einen Journalisten, der glaubt einem Verbrechen auf der Spur zu sein, dann, weil er das falsche Foto schießt, selbst unter Verdacht gerät. Eine Gruppe israelischer Restauratoren stößt in einer Villa in der Ukraine auf die Fresken des ermordeten Dichters Bruno Schulz ….

ja ja, die Täter, Kunsträuber stoßen plötzlich auf die Fresken. Klar, ein Dieb trifft zufällig auf die Beute.

© 1997 - 2012 Connie Müller-Gödecke Kontakt Suffusion theme by Sayontan Sinha