Mikhail Bulgakov

Einen besseren Nachruf als den von Christiane Pöhlmann kann es gar nicht geben:  Mir nach, Leser! auf glanzundelend.de

durch Erschöpfung, permanente Berufsreisen, Aufenthalte in heruntergekommen Maritim-Hotels und durch andere Gründe kam ich in letzter Zeit zwar zum Lesen, aber nicht sehr zum intensiven Lesen.

Einige Bücher waren zwar nett zu lesen, sind aber nicht wert, ausführlicher besprochen zu werden, z. B. Ulrich Tukurs Venedig-Erzählungen “Die Seerose im Speisesaal”…

Aber auch das neue Haus in Ostvorpommern hat Zeitvertreib geboten, sodaß nicht viel Zeit zum Lesen blieb.

Warlam Schalamow

Warlam Schalamow

Warlam Schalamow

Warlam Schalamow

Ich möchte aber auf ein Buch hinweisen, das mich seit Monaten beschäftigt und das so stark auf mich wirkt, daß ich nicht mehr als eine Erzählung daraus alle paar Tage ertragen kann: Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma.

Noch nie in meinem Leben habe ich eine Sprache gehört, gelesen, die so klar und unprätentiös berichtet und die es ermöglicht, den furchtbaren Schrecken zu erfahren, der die Menschen so geknechtet hat.

Die Erschöpfung, die Qual, der schnelle Verlust der Individualität und Menschlichkeit, den jeder erleidet, der dem Lagersystem ausgeliefert ist, ist fast nicht zu ertragen. Als Leser.
Wie hat das Warlam Schalamow aushalten können? Er hat jeden Respekt, der nur möglich ist, verdient.

Warlam Schalamow: Durch den Schnee: Erzählungen aus Kolyma 1
Gebundene Ausgabe: 342 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: Werkausgabe. (Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 388221600X
ISBN-13: 978-3882216004

Warlam Schalamow:Linkes Ufer Erzählungen aus Kolyma 2
Gebundene Ausgabe: 318 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 2., Aufl. (Februar 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3882216018
ISBN-13: 978-3882216011

NKVD Photo

NKVD Photo

vor 70 Jahren verlöschte das Leben des großen Dichters Ossip Mandelstam im Fernen Osten Rußlands in einem Straflager.

Ein Dichter, der sein Leben lang gequält wurde, von der Macht, der Armut, der Dummheit. Und der uns doch mit seiner Dichtung ein großes Geschenk gemacht hat.

Olga Martynova würdigt ihn in der FR in einem bemerkenswerten Text: Eine Streichholzflamme im Wind.

Und Google AdSense liefert die passenden Anzeigen unter den Text: Transsib Sonderzug und Russland Visum beantragen

Da bleibt der Zorn im Hals stecken.

warum literarische Fiktion die Realität übertreffen und neutralisieren muß… schreibt Nancy Huston in der FR.

Und diesen Ausschnitt möchte ich zitieren. Er ist sehr wichtig:

Die gewollten Fiktionen (Geschichten) eines Landes liefern einen besseren Zugang zu seiner Realität als seine ungewollten (seine Geschichte). Das Lesen von Romanen – und die dadurch erlernte Fähigkeit, sich mit den Charakteren einer anderen Zeit, einer anderen Gesellschaftsschicht oder einer anderen Kultur zu identifizieren, verschafft uns Distanz zu unserer eigenen übernommenen Identität.

Da Terrorismus nicht mehr und nicht weniger ist als das Ergebnis schlimmer Fiktionen, sollten unsere Regierungen, statt Waffen zu produzieren, in den Ländern, in denen er sich eingenistet hat, die Übersetzung, Veröffentlichung und den Vertrieb der Meisterwerke der Weltliteratur begünstigen, unterstützen und fördern.

Nichts könnte nützlicher oder wichtiger sein. Je mehr die Menschen sich für realistisch halten, je mehr sie dazu neigen, Romane als überflüssiges, dummes Zeug, als Luxus oder Zeitverschwendung abzutun, desto empfänglicher sind sie für den Urtext – d.h. für Unbeherrschtheit, Gewalt und Kriminalität, für die Unterdrückung von Angehörigen oder von Frauen, von solchen, die sie für schwach halten, oder eines ganzen Volkes.

Stefan Zweig

Stefan Zweig

Durch ununterbrochenes Hin- und Herreisen, ständig zwischen Hamburg, Frankfurt und Heidelberg unterwegs, ohne Ruhepausen, emotionalen Ausgleich und immer unter hohem Erwartungsdruck der Kunden habe ich den Faden verloren.

Keinen Roman konnte ich lesen in den letzten Wochen, Konzentration war mir beim Lesen nicht möglich. Auch war immer das falsche Buch im Koffer, und das eigene Bücherregal so weit entfernt. Also las ich nicht.

Dann aber im Heidelberger Bahnhofsbuchladen dieses Buch. Stefan Zweig ist mir natürlich kein Fremder, auch wenn ich die Schachnovelle nicht in der Schule gelesen habe. Und so nahm ich mir das Buch.

Fühlte ich mich in den letzten Monaten durch meine Arbeitsreisen vom Leben abgeschnitten, so brachte mich Zweig wieder ins Leben zurück. Sei es die sprachlose Entwurzelung des verirrten Soldaten in Episode am Genfer See oder die gewaltige emotionale Eruption in Der Amokläufer. Die Menschen in diesen Episoden sind aus den ihnen Sicherheit gebenden Verhältnissen gerissen und nun haben sie kein emotionales Vokabular mehr, sie werden getrieben und sie treiben in die Vernichtung, in die eigene oder in die Vernichtung anderer.
Dies klingt spektakulär. “Der Amokläufer” ist auch spektakulär, die “Episode am Genfer See” ist es nicht. Sie ist still.

Dem Autor wird sehr oft eine Eleganz zugesprochen. Das ist es nicht. Er kennt die Menschen, ihre Hilflosigkeiten, ihre Beschränkungen und er konfrontiert uns mit diesen Menschen.
Die Zeit, in der diese Menschen leben, ist nicht unsere. Aber ihre Seele ist auch unsere. Ihre Schwäche ist auch unsere. Ihre Wünsche ebenfalls.

Klingt das jetzt zu pathetisch? Ist es nicht. Ist das Eleganz? In klarer unsentimentaler Sprache werden wir den großen menschlichen Katastrophen ausgesetzt. Das ist Literatur.

Ganz große Literatur und ganz nahe bei uns.

Stefan Zweig: Meistererzählungen
Gebundene Ausgabe: 490 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (August 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3103970226
ISBN-13: 978-3103970227
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