Sep 282013
 

Noch ein Leben für John PotockiUnd wie!

Im August erschien Ingolds „Noch ein Leben für John Potocki“ endlich bei Matthes & Seitz, Berlin.

Ich hatte das Buch ja schon vor Erscheinen lesen dürfen, aber nun, in gebundener Form, erschien es mir erneut verlockend. Und es fasziniert weiter. Ein Feuerwerk der Begegnungen, der Gedanken- und Zeitsprünge, Orts- und Ebenen-Wechsel…

Wem begegnet er nicht alles in diesem Leben, Bernouilli, Heidegger, welche Gespräche führt er nicht mit diesen Personen, welche Welträtsel klingen an, bis er neuen Abenteuern entgegen rollt durch die Steppen um Astrachan oder wohin es ihn sonst verschlägt. Topoi des jeweiligen Zeitalters werden aufgenommen und genüßlich durchgespielt,  Schachautomaten wie  auch sprechende Tiere, die Gedankenwelt der Aufklärung bricht sich hier Bahn, das schweizerische Jura ist der Nabel der hier erzählten Welt …

Spielerisch wird J. P. gelebt, und das mit einer solchen erzählerischen Frische und Frechheit, fast möchte ich es auktoriale Chuzpe nennen.  Der Erzähler hält sich nicht an die tradierten, weitererzählten Gerüchte, die sich um Jan Nepomucen Potocki ranken, er toppt das eh schon Phantastische dieser Existenz, setzt Allem eine weitere Krone auf und beendet das Spiel mit einem rechten Knall.

Ich genoß die Lektüre am kretischen Strand und vergnügte mich dabei sehr. Manches las ich vor und unterhielt damit nicht nur meinen Mann …

Noch ein Leben für John P.

Noch ein Leben für John P.

Eines ist das Buch allerdings auf keinen Fall: eine Denksportaufgabe, wie es der Rückseiten-Text konstatiert.
Es ist ein intellektuelles Vergnügen und je besser man in der europäischen Geistesgeschichte zuhause ist, um so fröhlicher, erfrischender wird das Buch.

Ein Wermutstropfen allerdings ist die willkürliche Anordnung der Illustrationen, deren Zuordnung zum Text ist (mir) undurchschaubar. Der Lesefluß wird gestört durch die Suche nach den Illustrationen, eine nicht-lineare Numerierung erschwert alles und führt nur zu Verblättern. Auch eine gestalterische Freiheit muß gekonnt sein.

Seis drum- Genoß ich auf Kreta Raki zur Lektüre, so empfehle ich in den nördlicheren Gefilden Potocki Wódka als kongenialen Lese-Begleiter!

Dieser kurze Beitrag kann dem Buch. dem ingoldschen Kaleidoskop, nicht gerecht werden. Zuviel will ich nicht erwähnen und kann ich auch gar nicht. Da bleibt nur eins:

Nehmen Sie sich Zeit und lesen Sie dieses Buch! MRR hätte es Ihnen sicherlich auch ans Herz gelegt.

Felix Philipp Ingold: Noch ein Leben für John Potocki
Gebundene Ausgabe: 535 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin (15. August 2013)
ISBN-10: 3882210753, ISBN-13: 978-3882210750

Sep 222013
 

Reich-Ranicki: Notwendige GeschichtenMarcel Reich-Ranicki lebt nicht mehr.

Er hat mich Lesen gelehrt. Nicht die Technik, das Entziffern der Buchstaben, nein das Lesen der Worte. Literatur lehrte er mich, nicht meine Lehrer. Eines der ersten Bücher, das ich mir von meinem Taschengeld gekauft habe, war „Notwendige Geschichten 1933-1945“.  Piper, 1967

In dieser Anthologie, heute noch eingeschlagen im Folien-Umschlag von damals, versammelt er jahresweise Geschichten aus der dunklen Zeit Deutschlands, Geschichten von Autoren der verschiedensten Standpunkte, Geschichten, die zu lesen notwendig war und ist. Um die Zeit verstehen zu können, das Leben verstehen zu können.

Viele Geschichten aus diesem Buch sind mir noch gegenwärtig, viele vergessen. In einem alten SPIEGEL-Artikel von 1967 bespricht einer der Autoren, Albrecht Goes, diese Sammlung. Wie schrieb man damals? fragt er.

„Notwendige Geschichten“ — ein gutes Buch. Freilich, bis zu Hölderlins „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ werde ich mich bei seiner Betrachtung nicht versteigen; jenes Wort ist ja auch keine Maxime, sondern der Atemzug eines Ertrinkenden. Soll ich sagen: es sei etwas wie ein Beispiel, dieses Buch? Oder: es sei eine Warnung? Eine Warnung, gewiß. Aber wer will sich schon durch Bücher warnen lassen?

Reich-Ranicki war mein Cicerone in die Literatur, lange bevor er als Person auf den Bildschirmen erschien, lange bevor es das Literarische Quartett gab. Ich las die von ihm empfohlenen Autoren, hörte seine Beiträge im Hessischen Rundfunk, las die Frankfurter Anthologie der FAZ und wenn ich heute darüber nachdenke, kommt mir fast der Gedanke, er habe mich zum Studium der Germanistik, der Literaturwissenschaft, gebracht, nicht meine Mutter mit ihrem Bücherschrank voller Klassiker und den ehemals verbotenen Büchern in der 2. Reihe darin.

Durch ihn kam ich von Stefan Zweig zu Arnold Zweig, der lag mir eher.
Von Thomas Mann zu Heinrich Mann, der paßte mir auch besser.
Sicherlich lenkte er mich zu Koeppen.
Trotz seiner Antipathie Musil gegenüber quälte ich mich durch den Mann ohne Eigenschaften, dem Studium geschuldet. Aber daß ich den M.o.E. nicht mochte, war sicherlich nicht zu 100 Prozent mein eigenes Urteil.

Das Literarische Quartett schaute ich mir nicht so gerne an, ich wollte lieber in Ruhe lesen, Primär- oder Sekundär-Literatur. Ich war ja auch nicht die Zielgruppe seiner Sendung. Ich war ja schon überzeugt.

Jetzt habe ich etliche Sendungen im TV gesehen, die zu seinem Nachruf wieder aus den Archiven geholt wurden. Und zu der Vertrautheit, die ich ihm gegenüber empfand, kam die Freude über seine Lebhaftigkeit, seine Direktheit. Wo andere in Tränen ausbrechen oder in Weinerlichkeit versinken, ging er mit „Na Ja“ zum nächsten Thema über, statt Betroffenheit forderte er von allen, die er erreichte, eigenständiges Denken und Urteilen.

Sein letztes öffentliches Urteil war wohl die Nicht-Annahme des Fernsehpreises vor einigen Jahren, eine spontane Entscheidung, die aus dem Entsetzen über die unglaubliche Banalität der Veranstaltung entstand und die er standhaft durchhielt.

Ich habe durch ihn Urteilen / Beurteilen gelernt, ich habe von ihm Literatur / Welten geschenkt bekommen, er hat meinen Lebensweg sicherlich mitbeeinflußt.

Mein ganzes Lese-Leben lang war er da.  Nun nicht mehr.

Aug 072013
 

Stichworte stechen, also angestochen


 flandziu-titelkopfFlandziu – Halbjahresblätter für Literatur der Moderne
Neue Folge, Jahrgang 4, Heft 2 -2012 (Frphjahr 2013)

Das neue Heft ist (verspätet) erschienen, behandelt das Thema „Deutsche Literatur 1945 – 1960„. Im zweiten Teil dieser Serie geht es um die Jahre 1953 – 1960. Die literarische Produktion dieser Jahre hat meine literarische Sozialisation geprägt. Neben Autoren wie Günter Eich, Uwe Johnson, Kaschnitz, Grass widmet sich das Heft auch aufschlußreich dem Thema „Groschenromane, Heftchen, Comics und die Schmutz- und Schund-Debatte„. Das hat mich besonders interessiert, denn als Studentin habe ich mir, wohl um den Schundcharakter dieser Veröffentlichungen, so einige Reisen mit dem Schreiben von Groschenromanen verdient. Das war leicht, die Struktur war klar vorgegeben und von 800 DM Honorar konnte ich mindestens 2 Monate auf Tour in den Süden gehen.


Hugo Marti Ich habe einen für mich seither unbekannten Schriftsteller kennengelernt: der Schweizer Hugo Marti war Jurist und Germanist, arbeitete als Hauslehrer und schrieb etliche, nunmehr fast unbekannte Werke.

Ein Sammelband seiner Werke ist gegenwärtig auf dem Buchmarkt zu finden:

‚Die Tage sind mir wie ein Traum‘ für 96,00 €. Ansonsten findet man einige gebrauchte Ausgaben oder Nachdrucke.

Ergiebiger ist da das Angebot im Ebook-Format:  Als Kindle-eBook finde ich von ihm 11 Werke,  bei Gutenberg ebenfalls 11 seiner Werke.

Ich habe seit Buch „Das Haus am Haff“ entdeckt. Dann fand ich das Autorenporträt bei Charles Linsmayer und nun lese ich mich durch seine Texte.

Wieder einmal eine Entdeckung, die nur per eBook gelingen konnte.


Und noch etwas zum Schluß:

Vom faulen Mädchen

Im Frühjahr fiel mein Blick bei einer Suche bei ZVAB  auf die rechte Seitenleiste und da schaute mich ein sehr vertrautes Mädchen samt fröhlicher Katze an.

Dieses Buch besitze ich und liebe ich seit meiner Kindheit, damals bekam ich von meiner Großtante in der DDR immer wunderschöne Bücher. Für liebevolle Buchausgaben mit herrlichen Illustrationen waren die Länder des Ostblocks ja bekannt.

Vom faulen MädchenVom faulen Mädchen

Märchen nach dem tschechischen Zeichentrickfilm „Lenora
Regie:  Zdeněk Miler
Text: Emil Ludvik
Copyright 1957 by Artia Prag

 

Und mit einem Bild aus diesem Buch beende ich diesen Beitrag-

Vom faulen Mädchen

Aug 072013
 
Lesehilfe

Lesehilfe

Oder war es nur eine Schreibpause hier? Zumindest gab es seit genau 3 Monaten hier keinen Beitrag mehr.

Mein neues Leben im Vorruhestand hat viele Gewohnheiten umgestürzt, auch manche Gewohnheiten blockiert, und so langsam sammele ich und sortiere neu.

Deshalb werden jetzt doch wieder Beiträge in loser aber stetiger Folge erscheinen.

Mai 072013
 
Noch ein Leben für John Potocki

Noch ein Leben für John Potocki

Wer ist John Potocki? Jan Potocki? Jan Nepomucem Graf Potocki (1761–1815)?

Noch ein Leben – aber was für ein Leben? Ein tatsächliches, ein ausgedachtes, ein ausgeschmücktes, ein virtuelles? Ein Leben im Falschen, ein Leben im Richtigen, ein Leben im Computerspiel?

Reicht denn das das Leben des Jan Nepomucen Graf Potocki nicht aus für eine umfassende Biographie? Nein, eine Biographie genügt nicht. Da kann „mehr Butter bei die Fische“, wie der Norddeutsche sagt. Denn das Leben dieses polnischen Grafen, Kosmopoliten, Historikers, Weltreisenden, Ethnografen war / ist so vielschichtig, daß es die Phantasie vielerlei befeuert. Ein Mensch, der sein Leben so sehr selbst gestaltet und auch so eigenwillig selbst beendet hat, der ist den Nachgeborenen ein großes Fragezeichen. War das schon alles? War da nicht noch mehr? Wenn soviel bekannt ist, was ist denn da noch nicht erzählt?

Und so erhält der Erzähler dieses sagenhaften Lebens eine nie gekannte Macht über Jan Nepomucen Graf Potocki,  die Tastatur wird zum Joystick und sein Leben virtualisiert sich, bis wir, die Leser, schon gar nicht mehr wissen woran wir gerade sind.

Ein auktoriales Vexierspiel, dem ich als Leserin atemlos hinterherlief, denn ich bekam das Privileg von Felix Philipp Ingold (wer sonst?), diesen neuen großen Roman vorab lesen zu dürfen. Ich habe gelesen, bin darin versunken und hatte vor lauter Freude an dieser Sprache, diesem Plot, dieser Vielfalt keine eigene Sprache mehr.

Im August erscheint der neue Roman von Felix Philipp Ingold bei Matthes und Seitz, Berlin.

Noch ein Leben für John Potocki!

Fast möchte ich wünschen: Noch mehr Leben für John Potocki! 

Mehr Informationen in der Verlagsvorschau: Noch ein Leben für John Potocki

 

Alexander Varnek; Jan Potocki

Alexander Varnek; Jan Potocki

Jan Nepomucen Graf Potocki

Jan Nepomucen Graf Potocki

Noch ein Leben für John Potocki

Noch ein Leben für John Potocki