Felix Philipp Ingold

Felix Philipp Ingold

Gegengabe ist ein gewichtiges Werk von Felix Philipp Ingold.

Ein Gedichtband, mit dem ich nie fertig bin. Immer wieder finde ich etwas. Immer wieder bin ich gebannt.

Ein Satz springt ins Auge. Setzt sich fest.

Immer wieder ein anderer. Und immer bereichert es den Tag.

Das ist meine Leseerfahrung.

Wolfram Malte Fues geht anders an dieses große Buch heran. Er fragt, wie ein Dichter arbeitet in seinem Essay: Gabe gegen Gabe. Felix Philipp Ingolds Lyrik der Moderne

Wo und wie arbeitet der Lyriker Felix Philipp Ingold?
„Der öffentliche Raum ist der Resonanzraum, aus dem ich die ersten noch unverbundenen Daten für mein Schreiben gewinne. Die Verbindung und Entfaltung von alltäglichen Klangereignissen zu einem Text, in dem Wörter und Laute enggeführt und immer wieder neu zum Sprechen gebracht  werden, ist das, was ich unter Dichtung verstehe und als Dichtung praktiziere.”

So beginnt der Essay. Lesen Sie weiter!

Ich bin immer noch nicht durch. Das liegt daran, daß ich den größten Teil des Buches vorlese.
So haben mein Mann und ich den größten Spaß daran.
Aber mehr als ein, zwei Kapitel kann man nicht auf einmal vorlesen. Das Vorgelesene muss ja auch goutiert werden.

Inzwischen ist der Protagonist aber wenigstens geboren, wenn auch mit lädierter Nase.

Nasenkorrektur

Ab und an gibt es Zwischenlektüren, so der OstvorPommern-Krimi “Letzte Losung”, der es nur in mein Ostvorpommern-Blog Gribowski geschafft hat. Es gibt halt Bücher, die liest man und dann ist auch gut. Dieses Buch ist nun auf Wanderschaft, wers mag, kanns behalten.

Ganz anders war dagegen “Freitisch” von Uwe Timm zu lesen. Auch dies spielt in OVP, aber es hat Tiefe. Es hat was mit uns zu tun, und kaut uns nichts vor. Die Besprechung dieses Bandes auch auf Gribowski.

 Aber eigentlich warte ich auf Alias oder das wahre Leben, das neue Buch von Felix Philipp Ingold.

Urs Widmer, Das Buch des VatersAußer den wenigen, bisher in diesem Jahr besprochenen Büchern hab ich immer wieder Bücher angefangen und beiseite gelegt. Ein Buch, das hier  nicht gelistet ist, ist mir in Erinnerung geblieben: Das Buch des Vaters, von Urs Widmer.

Ein ganz ungewöhnliches, nachgängiges Buch, das die Lebensspanne des Vaters nacherzählt, mit den eigenwilligen Ritualen seiner Bergheimat bis zu den Freigeistereien der 20er und 30er Jahre, Alpenleben und Bauhaus, und vieles mehr.

Dann war lange Funkstille. Ich konnte einfach nicht lesen. Ich wünschte mir zu lesen, konnte aber nicht und wollte nicht lesen was mir zwischen die Finger kam.

Also legte ich immer wieder beiseite.

Dann habe ich mir aus Neugier einen Kindle gekauft. Und mit Büchern beladen, die ich schon eh mal lesen wollte, die vielleicht auch in Hamburg im Regal standen, aber in Gribow, am 2. Wohnsitz, nicht zur Verfügung standen.

Und so kam es, daß ich plötzlich wieder Lesefreude empfinde. Ein ganz eigenwilliges Werk der Weltliteratur ist da auf meinem Tableau:  Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman, von Laurence Sterne.

Ich wusste daß es dieses Buch gibt. Aber ich wußte nicht und erfahre es erst jetzt, welch extravagantes, exzentrisches Buch dies ist, 1758 oder 1759 geschrieben.

William Bunburry: The damnation of Obadiah

William Bunburry: The damnation of Obadiah

Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Und so wie Tristram Shandy immer noch im Geburtskanal seiner Mutter steckt und ich immer noch nicht erfahren habe, weshalb seine Nase krumm ist, stecke ich in den endlosen Disputen äußerst eigenwilliger versponnener englischer Herren, die sich um Festungsbauten, Theaterkritiken, Geburtshilfe und Verfluchungen ranken.

Ein ganz großer Genuß.

Felix Philipp Ingold: Alias

 

Der Sommer ist noch nicht da, aber Bücherankündigungen machen mich ungeduldig, und jetzt habe ich einen Grund, mich auf den Spätsommer zu freuen: Felix Philipp Ingolds neues Buch Alias wird im August erscheinen.

So habe ich jetzt die Vorankündigung erhalten, Alias oder das wahre Leben wird es heißen, und schon ein Satz aus einem Textausschnitt zeigt den Meister:

Das Gewesene verschwindet im Gewordenen.

Was fängt man mit der Hinterlassenschaft eines verstorbenen Freundes an – mit Papieren, Bilddokumenten, Erinnerungen, unbeantworteten Fragen? In der suchenden, tastenden, aber auch entwerfenden Lebensbeschreibung des wolgadeutschen Kirill Beregow alias Carl Berger entwirrt Felix Philipp Ingold eine weitläufige, halb Europa und ein halbes Jahrhundert durchmessende Existenz, die bei all ihren Verwerfungen und Brüchen kaum noch auf den Punkt zu bringen ist. Doch wessen Geschichte wird da erzählt? Ist es das Leben des Freundes oder ist es das Bild, das sich der Erzähler vom Freund nachträglich zu machen versucht? Eine ungewöhnl iche Panoramafahrt durch ein halbes Jahrhundert dramatischer Geschichte und ein »wahres Leben« voller Turbulenzen, unsäglicher Leiden und unvergleichlicher Glücksmomente.

So heißt es in der Ankündigung. Mehr kann ich gar nicht dazu schreiben, meine Neugier wächst. Einen ersten Eindruck gibt die Hörprobe auf der Verlagsseite.

Felix Philipp Ingold
Alias
oder Das wahre Leben
Mit zahlreichen Abbildungen
336 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88221-553-3
€ 19,90 / CHF 28,90
Matthes & Seitz Berlin

György Konrad: Glück

Ein kleines Mädchen reißt aus, schließt sich den Menschen an, die zum Flußufer getrieben und dort erschossen werden. Sie steht neben ihrer Tante, die wie die anderen Juden, von den Kugeln der SS getroffen wird und nach vorne in den Fluß kippt.
Ein SS-Mann rät dem Mädchen, schnell nach Hause zu gehen, die Familie mache sich sonst Sorgen.

Dies ist nur eine der schrecklichen Situationen, die György Konrad in seinem Erinnerungsband Glück schildert. Ein Junge muß seine Heimatstadt verlassen, in der seine Familie viele Generationen lebte, er entgeht der Deportation nach Auschwitz. Ohne Eltern wächst er auf.
Später kehrt er auf Einladung in seine Heimat zurück. Mit zwiespältigen Gefühlen. Aber auch mit Freude und glücklichen Erinnerungen.

György Konrad schildert Unvorstellbares, Unaushaltbares, aber durch seine Schilderung läßt er diese Ereignisse real werden. Sie waren real. Auch wenn wir, die diese Zeit nicht mehr erlebt haben, sie uns nicht vorstellen können. Obwohl wir wissen, daß es so war.
Das Gefühl, der Verstand wehrt sich gegen solche Erzählungen und Erkenntnisse. Aber es hilft nicht. So war es.

György Konrad: Glück.
Verlag: Suhrkamp Verlag, 2003
ISBN-10: 3518414453
ISBN-13: 978-3518414453
Originaltitel: Elutazas es hazateres
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