hatte ich über Alias oder Das wahre Leben geschrieben und es ist selten, daß ich negativ über eine Arbeit von Felix Philipp Ingold urteile.

Warum mag ich das Buch nicht? Darüber habe ich lange nachgedacht. Es ist nicht das Buch, es ist das Leben, es ist die Geschichte, die das Leben der Menschen so bestimmt, so herumwirft, das die Menschen so grausam behandelt.

Das mag ich  nicht.

Freitag, 4. November 2011:
Lesung im Anderen Buchladen (Weyertal 32, Köln), 20 Uhr

Felix Philipp Ingold: ALEPHBET (Poesie)

Samstag, 5. November 2011:
Tagung  „Schrift und Psychoanalyse“ (Köln, Kunstsalon Brühler Straße 11-13)

dortselbst: 15 Uhr bis 16 Uhr 30:

Felix Philipp Ingold: Das Wort in der Dichtung: Klangleib und Attraktor

Felix Philipp Ingold: AliasIch habe das Buch Alias von Felix Philipp Ingold gelesen.

Es berichtet über einen Menschen, einen Russen im 20. Jahrhundert, im europäischen Jahrhundert, von den ersten Fronterfahrungen bis zu seinem Tode, ironischerweise in dem KZ, das er einst als russischer Offizier zwar nicht befreite,  in dem er aber nach der Befreiung Wiens als Dolmetscher arbeitete. Als Erfolgsautor im stalinistischen Rußland. Als Lager-Insasse.  Als Wolgadeutscher nach einer Odyssee über Israel nach Radolfszell. Als Rentner mit einer zu  jungen Frau.

Es gibt keine Existenz “per se”. Jeder Mensch hat einen oder mehrere “Aliase” im Laufe des Lebens. Das 20te Jahrhundert treibt die Menschen vor sich her, von einer Identität in eine andere.

Und den literarischen Erzähler von einer Form in die andere. Ingolds Passion für die Autorschaft, das Spiel des Auktorialen, hier lebt er es aus. Er bringt sich selbst ins Spiel, läßt sich das Leben des Protagonisten erzählen (in dessen “Dissidenz-Phase” in Leningrad) und als Besucher am Bodensee, spielt Erzählformen von der Novelle bis zur Romanze durch. Streut Poetisches ein, rückt die Texte aus, fügt dem Buch ein Photo-Album an.

Aber auch dieses Album bringt uns den Protagonisten nicht näher, bei all dem Leben lebt er kein Leben. So unglaubhaft wie die “amour fou” zu der jungen Frau am Ende seines Lebens ist sein ganzes Leben. Aber ist es sein Leben? Hat es ihn gegeben? Wer ist Begerow / Bergson / Berger? Gab es ihn? Führt uns der zweite Teil des Buchtitels “oder das wahre Leben” in die Irre? Oder auf die Fährte?

Kann es in einem solchen Leben Identität geben? Ist Identität ein Vexierbild aus den brutalen Details des 20. Jahrhunderts? Ist das Leben immer das andere?

Ich weiß es nicht. Ich mag dieses Buch nicht. Es gibt mir keine Hauptfigur zur Identifikation, es gibt mir keine Handreichung, mich “beim Lesen” einzurichten, keine Gewißheit.

Und das ist das Gute an diesem Buch.

Felix Philipp Ingold: Alias: oder Das wahre Leben
Gebundene Ausgabe: 330 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (8. September 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3882215534
ISBN-13: 978-3882215533

Felix Philipp Ingold: Alias

 

Der Sommer ist noch nicht da, aber Bücherankündigungen machen mich ungeduldig, und jetzt habe ich einen Grund, mich auf den Spätsommer zu freuen: Felix Philipp Ingolds neues Buch Alias wird im August erscheinen.

So habe ich jetzt die Vorankündigung erhalten, Alias oder das wahre Leben wird es heißen, und schon ein Satz aus einem Textausschnitt zeigt den Meister:

Das Gewesene verschwindet im Gewordenen.

Was fängt man mit der Hinterlassenschaft eines verstorbenen Freundes an – mit Papieren, Bilddokumenten, Erinnerungen, unbeantworteten Fragen? In der suchenden, tastenden, aber auch entwerfenden Lebensbeschreibung des wolgadeutschen Kirill Beregow alias Carl Berger entwirrt Felix Philipp Ingold eine weitläufige, halb Europa und ein halbes Jahrhundert durchmessende Existenz, die bei all ihren Verwerfungen und Brüchen kaum noch auf den Punkt zu bringen ist. Doch wessen Geschichte wird da erzählt? Ist es das Leben des Freundes oder ist es das Bild, das sich der Erzähler vom Freund nachträglich zu machen versucht? Eine ungewöhnl iche Panoramafahrt durch ein halbes Jahrhundert dramatischer Geschichte und ein »wahres Leben« voller Turbulenzen, unsäglicher Leiden und unvergleichlicher Glücksmomente.

So heißt es in der Ankündigung. Mehr kann ich gar nicht dazu schreiben, meine Neugier wächst. Einen ersten Eindruck gibt die Hörprobe auf der Verlagsseite.

Felix Philipp Ingold
Alias
oder Das wahre Leben
Mit zahlreichen Abbildungen
336 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-88221-553-3
€ 19,90 / CHF 28,90
Matthes & Seitz Berlin

Oskar Pastior: Der Verfolger ist zugleich ein Verfolgter, der sich der eigenen Verfolgung durch die Verfolgung eines andern – eines Doubles gewissermaßen – zu entziehen versucht.

Dies setzt Felix Philipp Ingold seinem in der Volltext 1/2011 veröffentlichten Essay zur Kunst des Schreibens nach Leo Strauss und Alexandre Kojève voraus.  Hier geht es um das “unverständliche Schreiben”, einem Schreiben, das sei es durch Repression, Verfolgung oder anderen Gründen von der großen Zahl der Leser nicht verstanden wird, nur Eingeweihte kennen den Sinn. So meint Leo Strauß eine besondere Qualität der unter Repression verfaßten Dichtung zu erkennen, was FPI bestreitet:

Ob ein solches Literaturverständnis und die daraus erwachsende Schreibtechnik allein auf Repression (durch ideologische Direktiven, thematische Tabus, ofizielle Zensur und sonstige Einschränkungen) zurückzuführen ist, bleibt fraglich; denn hermetische oder auch bloß elitäre Texte sind zu allen Zeiten, selbst unter freiheitlichen Bedingungen, geschrieben worden. Auch heute gibt es, der vorherrschenden Toleranz und Transparenz zum Trotz, eine kleine Minderheit von Autoren, die sich – bei kleinen Verlagen, in kleinen Stückzahlen – mit hermetischen Texten vom Mainstream der Bekenntnis-, Erinnerungs- und Tratschliteratur absetzen, im Vertrauen darauf, was einst JeanBaptiste d’Alembert (den auch Leo Strauss zitiert) souverän auf den Punkt gebracht hat: „Was dem gewöhnlichen Leser dunkel erscheinen mag, ist es für jene, die der Autor im Blick hat, nicht; im übrigen ist gewollte Dunkelheit keine.”

So zieht Ingold einen Bogen vom hermetischen Subjektivismus Strauss’ zu Kojève, der die Oberflächlichkeit lobt und die Postmoderne einläutet.

Und Oskar Pastior lächelt. Hintergründig.

 

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