Feb 182012
 

Bevor ich nun versuche, Peter Nadas Parallelgeschichten zu über- und durchleben, liegt mir eine Lese-Erfahrung am Herzen, die ich hier notieren möchte. Iwan Bunin tritt in meinen Horizont.

Iwan Bunin: Liebe und andere UnglücksfälleGut, ich hatte schon die "Briefe an einen unbekannten Freund" gelesen, auch einige verstreute Texte, aber nun hat es eine andere Intensität. Der Band mit Novellen aus den Jahren 1916 bis 1940 (nicht mehr lieferbar, aber zu unschlagbar günstigen Preisen gebraucht zu finden!) beschäftigt mich nun schon einige Wochen. Mehr als eine Erzählung kann ich nicht verarbeiten am Tag, sie sind so konzentriert, dicht, nah, wie soll ich es beschreiben?

Da gibt es den Sonnenstich: eine Frau und ein Mann, die sich auf einem Wolgadampfer kennenlernen, steigen kurzerhand aus und verbringen eine Nacht zusammen in einem Hotel. Sie wissen, daß eine solche Nacht nicht wiederkehren wird, daß sie etwas Einmaliges erlebt haben. Erst fährt sie am nächsten Tag mit dem nächsten Linien-Dampfer weiter, zurück vom Sommer-Urlaub zur Familie, dann er noch einen Tag später.
Eine radikale Geschichte. Die beiden sind sich bewußt, daß diese Nacht ein einmaliges Erlebnis bleibt und kehren in ihre Leben zurück.
EIne Erzählung, so radikal in dieser Zeit wie Anton Tschechows Die Dame mit dem Hündchen: Aber bei Tschechow  brechen sie und er aus ihren schal gewordenen Ehen aus und beginnen ein gemeinsames Leben in Moskau. Aus ihrer Urlaubsaffaire wird ein gemeinsames Leben.
Beide Paare brechen Konventionen und sind sich dessen bewußt. Beide Paare haben etwas Unerhörtes getan.

GelenschikDann die Erzählung "Der Kaukasus": Eine Frau betrügt ihren Mann. Der Erzähler ist ihr Liebhaber. Sie reisen an die Schwarzmeerküste, suchen einen kleinen Ort und verbringen gemeinsame Tage. Ruhig, zufrieden, ohne Frage. Ihr Mann suchte sie in Gelendshik, in Gragra, in Sotschi. Er erschießt sich.

Und bei Tschechow geht der Mann ins Meer, In der Nacht zu Weihnachten, weil er die Enttäuschung seiner Frau, daß er einen Schiffbruch überlebt hat, nicht ertragen kann.

Die Menschen in diesen Erzählungen bestimmen ihr Leben nicht selbst, sie liefern sich der Liebe aus. Und halten ihr stand, mehr oder weniger stark.

Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins ReiseIwan Bunin: Cechov. Erinnerungen eines ZeitgenossenDann finde ich zu Hans Joachim Schädlich's Band "Kokoschkins Reise" und auch dort begegnet mir Iwan Bunin. Der Protagonist, Herr Kokoschkin, kennt ihn aus der Zeit des Exils in Odessa, 1920.

Aber dazu in einem weiteren Beitrag.

Und bei einem Freund sehe ich "Cechov. Erinnerungen eines Zeitgenossen", aktuelle Lektüre, zeitweilig beiseitegelegt..

Plötzlich ist Iwan Bunin überall. Ich muß ihn lesen. Wie gut, daß eine Neuausgabe seiner Werke beim Verlag Dörlemann in Arbeit ist.

Iwan Bunin: Liebe und andere Unglücksfälle.
Gebundene Ausgabe: 396 Seiten
Verlag: Eichborn (2004)
ISBN-10:3821847247
ISBN-13: 978-3821847245

Iwan Bunin: Cechov. Erinnerungen eines Zeitgenossen
Gebundene Ausgabe: 298 Seiten
Verlag: Friedenauer Presse; Auflage: 1 (2004)
ISBN-10: 3932109384
ISBN-13: 978-3932109386

Nov 272003
 

In der Russen-Hausse der Buchmesse Frankfurt kam immer wieder leise ein Lesevorschlag ins Ohr:

Bunin

Bunin

Iwan Bunin: Ein unbekannter Freund

eine bis dahin unbekannte Geschichte Bunins, des Nobelpreisträgers … ich möchte hier nicht nachleiern, was viele vor mir schon gesagt und geschrieben haben dazu

ich möchte nur notieren, daß dieses Buch jede Minute wert ist, die man es liest. Es ist zu kurz. Das heißt, die zwei Texte sind kurz. Keiner reichte von Altona bis Barmbek, das hat mich etwas enttäuscht. Was gut ist, sollte länger anhalten, auch wenn man sich manchmal wünscht, daß etwas, das gut ist, vorbei ginge, weil es unaushaltbar gut ist…

Ich schweife ab. Die Briefe einer Frau an einen Dichter, der ihr nicht antwortet. Eine Frau, die ihr Leben gut beschreiben kann, auch wenn es sie nicht ausfüllt. Ich meine, die Frau sucht einen Gegenpart im Adressaten, dem sie sich mitteilen kann, andere wiederum meinen, sie suche eine Liebe, einen Partner, wenn auch fernen.

Nein, die Frau lebt relativ weit vom Zentrum Europas, aber es gibt Kommunikation, sie kann Bücher kaufen, Briefe schreiben und absenden. Es fehlt ihr aber ein Austausch.

Und den erhofft sie sich vom nichtantwortenden Dichter.

Manchmal reicht es auch, zu schreiben und keine Antwort zu bekommen. Weil das Schreiben schon hilft.

Das hat Bunin sehr fein festgehalten. Ein Fund. Ein Glück.

Die Nobelpreis-Tage sind da doch autobiographischer, wir erfahren etwas über die Verleihung des Nobelpreises und die Entgegennahme.

Iwan Bunin: Ein unbekannter Freund: Zwei Erzählungen
Aus dem Russischen von Swetlana Geier.
Dörlemann Verlag, Zürich, 2003
Gebundene Ausgabe – 72 Seiten
Erscheinungsdatum: August 2003
ISBN: 3908777011