Marcel Reich-Ranicki!

Marcel Reich-Ranicki

Sie haben es geschafft, unruhig und lebhaft und ideenreich 90 Jahre alt zu werden!

Ich habe sehr viel von Ihnen gelernt, Sie haben mir viele Bücher ans Herz gelegt, ich habe durch Sie Respekt vor der Literatur bekommen. Respekt habe ich ganz besonders vor Ihnen!

Möge Ihre Streitbarkeit uns noch lange erhalten bleiben!

Foto: (c) wikicommons

Johannes Bobrowski:

Holunderblüte

Es kommt Babel, Isaak. Er sagt: Bei dem Pogrom, als ich Kind war, meiner Taube riß man den Kopf ab.
Häuser in hölzerner Straße, mit Zäunen, darüber Holunder. Weiß gescheuert die Schwelle, die kleine Treppe hinab – Damals, weißt du, die Blutspur.
Leute, ihr redet: Vergessen – Es kommen die jungen Menschen, ihr Lachen wie Büsche Holunders. Leute, es möcht der Holunder sterben an eurer Vergeßlichkeit.
das Vergessen der Welt, nicht das Vergessen des Dichters

Marcel Reich-Ranicki:

Wie immer, die Vergeßlichkeit ist ein Gift. Sie verkleinert das Territorium der Erinnerung. Sie ist auch ein Angriff auf die Dichtung selbst, auf das Gedicht. Wenn Erinnern ist, was vom Vergessen bleibt, dann ist es das Geschriebene, das Fixierte, welches letztlich vom Erinnern bleibt. Gute Gedichte sind ein Gegengift gegen das Vergessen. Das will uns Bobrowski sagen, wie Issaak Babel ein Ästhet inmitten der Barbarei, wie er ein Erinnerer inmitten von Gedankenlosigkeit und Lethargie.

FAZ vom 16.08.2003

In der FAZ-Sonntagszeitung wird Marcel Reich-Ranicki gefragt:

Das Werk des Dichters Karl Krolow ist weitgehend in Vergessenheit geraten – zu Unrecht?

Marcel Reich-Ranicki:

“Die Vermutung, Karl Krolow sei vergessen, weil das Interesse – wie die Fragestellerin schreibt – an “etwas traditioneller Lyrik” abnehme, halte ich für ganz falsch. Es trifft eher das Gegenteil zu: Experimentelle Poesie überlebt sich in der Regel besonders schnell, gerade die Avantgarde gerät rasch in die Arrieregarde. Das jedenfalls lehrt die Geschichte der deutschen Literatur. Und schließlich: Alles auf Erden ist vergänglich – auch die Poesie.”

Erst denke ich über den Dichter Karl Krolow nach, erinnere mich an das, was ich von ihm gelesen habe und dann überdenke ich die Frage genauer und ärgere mich. Denn die Frage zielt nicht auf eine Bewertung des literarischen Bewertens ab, die Frage zielt darauf ab, daß M. R.-R. das beurteilen könne und daß sein Urteil Bestand hätte.

Da wird die eigene Urteilsfähigkeit abgegeben an einen Experten.

Aber kann man das nicht selbst entscheiden? Durch Wiederlesen, Besprechen mit anderen literarisch Gesinnten etc.?

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