Feb 252013
 

James Joyce and Company

Dieser Band mit  Aufsätzen von Wolfgang Wicht erreichte mich aus dem Shoebox House Verlag.

Aufsätze zur Literatur des Modernismus in Großbritannien enthält er, geschrieben von Wolfgang Wicht, einem renommierten Anglisten, Professor für englische Literaturgeschichte.
Ein Mann von ungeheurem Fleiß, wie es das Publikationsverzeichnis aus dem Jahre 2004 zeigt.

Die in diesem Band vorgestellten Autoren Whistler, Shaw, Yeats, Virginia Woolf, James Joyce und T. S. Eliot werden dem Modernismus zugerechnet, einer Bewegung die zu Beginn des 20. Jahrhunderts radikal mit allen Konventionen brach.

Eine Verschiebung der Werteskala – der plötzliche Erdrutsch der Massen, die jahrhundetelang in ihrem Stand gelassen wurden – hat das alte Gebäude in den Grundfesten erschüttert, uns der Vergangenheit entfremdet und uns vielleicht zu deutlich die Gegenwart vor Augen geführt. Jeden Tag sehen wir uns Dinge tun, sagen oder denken, die unseren Vätern  unmöglich gewesen wären.

schrieb Virgina Woolf wenige Jahre später über diese Zeit. Nun bin ich keine Anglistin, in der englischsprachigen Literatur nicht so zuhause wie in anderen Literaturen, aber dieser Epochenbruch ist mir nicht fremd. Felix Philipp Ingold dokumentierte den Großen Bruch, Russland im Epochenjahr 1913 und auch Florian Illies beschrieb den Sommer des Jahrhunderts 1913.
Welch aufregende Zeit! Welch aufregende Literatur!

Virginia Woolfs Werke habe ich in jungen Jahren gelesen, sie galt als Bannerträgerin der emanzipierten Frau und wir bewegten jungen Frauen der 1970er suchten Vorbilder, Kämpferinnen, denen wir nacheifern konnten und wollten. Joyce ist ja ein unausweichlicher Autor, fast schon ein Opfer der Eventkultur, er begegnet mir jeden Juni erneut, aber von T. S. Eliot kannte ich eigentlich nur Old Possums Katzenbuch aus dem Bücherschrank meiner Mutter, und als Cats-musical-geplagte Hamburgerin machte ich einen Bogen um seine Bücher.

Das war falsch! Wolfgang Wichts Aufsatz „Ich fischte, die öde Ebene im Rücken: Thomas Stearns Eliot“ regte mich zur Suche an. Ich suchte nach dem Öden Land, besorgte mir The Waste Land and Other Poems als ebook und suchte nach einer deutschen Ausgabe, denn so gut sind meine Englischkenntnisse nicht, als daß sie ausreichten, diese kraftvollen Texte zu erfassen. Werke in vier Bänden: 4: Gesammelte Gedichte 1909-1962 wurden es dann. Und ich las mich fest. Welch eine widerständige Lektüre…

Die Theorie und Praxis des entpersönlichten Gedichtes ist ein Wesensmerkmal des literarischen Modernismus und gehörte zu den Begründungssätzen der Auflehnung gegen eine dominierende konventionelle Poesie, die vom subjektiven Gefühlsausdruck, der Naturerfahrung oder der Bebilderung weltanschaulicher, ethischer und moralischer Konzepte lebte.

so Wolfgang Wicht.

Hundert Jahre sind vergangen, aber das Alles gilt immer noch. Hundert Jahre Fortschritt, Krieg, Zerstörung, Völkermord, Vermassung, Herrschaft des Kapitals … die konventionelle Poesie, Belletristik ist nicht überwunden, (beherrscht das weite Feld der Selfpublishing-Autoren, wenn ich das mal ketzerisch einwerfen darf), die damals neue Textform ist heute immer noch fremd, sperrig, unverständlich, hat von ihrer Wirkung nichts verloren.  Und das muß so sein. Sand im Getriebe, Knüppel zwischen die Beine der berechenbaren Literatur !

Ich möchte schließen mit einem Zitat T.S. Eliots und mich beim Verlag bedanken für diese Edition.

Kultur hat ihre Tradition und liebt die Erneuerung; die Allgemeine Lesende Öffentlichkeit kennt keine Tradition und liebt das Abgestanden.

Wolfgang Wicht: James Joyce & Company: Essays
Essays
Broschiert: 213 Seiten
Verlag: Shoebox House Verlag; Auflage: 1., Aufl. (24. Januar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3941120115
ISBN-13: 978-3941120112

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