Mrz 212013
 

Gestern wurden die Usedomer Literaturtage 2013 eröffnet.  Sie stehen unter dem Titel  „Geschichte und Geschichten. Literarische Spurensuche in der Mitte Europas„.

Ich habe mich auf die Veranstaltungen gefreut. Die Veranstaltungen des ersten Tages waren für mich interessant: Eine Lesung mit Arno Surminski (und Tatjana Dönhoff) und eine Nachtlesung mit Tomasz Różycki.

Ich war voll des naiven Glaubens, bei diesen Veranstaltungen ginge es um Literatur, um die Inhalte, die Texte.
Das war ein grober Irrtum.

Die erste Veranstaltung war eine Produktmarketing-Veranstaltung der Frau Dönhoff und des Selbstdarstellers / Moderators Andreas Kossert. Wir durften Ausschnitte aus dem ARD-Dreiteiler „Die Flucht“ sehen, dessen Drehbuch Frau Dönhoff geschrieben hat und wir durften Herrn Kossert versuchen zu folgen, wenn er die ganze Thematik immer wieder auf einen aktuellen Fernseh-Dreiteiler („Unsere Väter, unsere Mütter“ oder so) lenken wollte. Wobei es dann hoppunddopp durch alle Generationen ging, daß einem schwindelig wurde. Herr Surminiski durfte auch ein paar Ausschnitte lesen, dafür wurde ihm gedankt und dann ging es wieder zu Dönhoff / Kossert. Eine eitle und selbstgefällige Veranstaltung, in einem eitlen edlen Sponsoren-Hotel-Ambiente. Hat aber nichts mit dem Thema „Literarische Spurensuche in der Mitte Europas“ zu tun.

Wie kann man Arno Surminskis erschütterndes, eindrucksvolles  Buch „Winter 45“ als wunderbar abtun, Herr Kossert? Es hat die schrecklichsten Ereignisse des letzten Jahrhunderts zum Thema. Dieses Buch blieb auf der Strecke, wurde zu smalltalk degradiert. Aber dafür wissen wir jetzt, daß Sie mit Frau Dönhoff am masurischen Kamin zu sitzen pflegen. Und das ist ja auch was.

Sehr ärgerlich.

Auf die zweite Veranstaltung des Abends wurde auch in den Anmoderationen der ersten Veranstaltung hingewiesen, nach dem Motto: Etwas ganz einmaliges, etwas ganz besonderes, sogar grenzübeschreitend, da müssen Sie unbedingt hin.

Wir sind da hin. Denn ich wollte unbedingt die Lesung aus dem Vers-Epos „Zwölf Stationen“ des polnischen Lyrikers Tomasz Różycki im Centrala in Świnoujście erleben. Zwölf Stationen erschien 2009 und es hat mich damals begeistert, wie man ja in dem verlinkten Artikel hier in meinem Lesebuch lesen kann. Ein galizisches Werk, mit den literarischen Vätern Bruno Schulz und Venedict Jerofejew  (meine Einschätzung). Ich erwartete und freute mich auf eine zweisprachige Lesung mitsamt Free Jazz.

Aber das war es dann auch nicht. Es war keine Nacht-Lesung. Ganz kurz las der Autor kurze Stellen, ganz kurz bekamen wir Ausschnitte aus der deutschen Übersetzung vorgetragen (ein Dank dem Herren rechts auf dem Bild dafür). Ansonsten ging die Veranstaltung unter im eitlen Geschwätz des Herrn Thomas Schulz, der nicht moderierte, sondern die Rezeptionsgeschichte des Werkes und andere interessante Themen, die man gerne anstatt der Lesung selbst hören möchte, durchkaute. Herr Różycki war schüchtern, die Übersetzerin tat ihr Bestes, der Herr Schulz drückte der Veranstaltung den Event-Stempel / den Talkshow-Stempel auf  und das war es dann.

Ich möchte wetten, daß außer mir nur ganz Wenige im Publikum das Buch kannten, es gelesen haben. Die Chance, es kennenzulernen, hatten sie an dem Abend nicht.

Lesung "Zwölf Stationen"

Lesung „Zwölf Stationen“

Selten war ich nach literarischen Veranstaltungen so frustriert wie gestern abend. Wichtigtuer, Selbstdarsteller, Events, Produkt-Marketing, da geht die Literatur unter. Und deswegen bin ich so sauer. Sollen die ihren Scheiß mit Trivial-Autoren veranstalten, dann finden sie bestimmt noch mehr Sponsoren.  So tut man dem Thema, den Büchern, den Autoren keinen Gefallen. Es ist einfach nur Mist.

Nov 282009
 

Thomasz Rózycik

Thomasz Rózycik


Die Zahl Zwölf hat es in sich: Apostel, Kreuzweg, Monate, ist die Basis des Duodezimalsystems, steckt in der Musik, bildet ganze Inselgruppen in der Ägäis, Tierkreiszeichen und und und… was davon verbinden wir Leser mit „Zwölf Stationen“ von Tomasz Rózycki ?

Einen Kreuzweg auf jeden Fall. Aber einen Kreuzweg der polnischen Art, durch den Alltag in Schlesien und seinen alltäglichen Wahnwitz.

Und das noch dazu als Vers-Epos.
Da bleibt einem glatt die Spucke weg ob dieses Unterfangens. Und auch beim Lesen, denn Vers-Epen haben eine gewisse Atemlosigkeit, zwingen den Leser in einen Lese-Galopp, die Metrik treibt voran, Lesegeschwindigkeit korreliert mit Handlungsgeschwindigkeit oder ist auch des öfteren gegenläufig. Wenn der Erzähler mal wieder versackt zum Beispiel, in den Phantasien von der Wieder-Erbauung der Kirche in der verlorenen ukrainischen Heimat, vom Papst welcher den Festgottesdienst zelebrieren wird und diese Kirchenweihe zum Friedensfest per se geraten läßt. Wenn es denn so passiert.

Aber so geschieht es natürlich nicht.

Und nun genug der Worte. Die sieben Euro für das Bändchen sind leicht aufzubringen. Kaufen Sie dieses Buch, lesen Sie es, kaufen Sie es nochmal und verschenken Sie es!

Eine Rezension hat dieser Band erhalten bisher im deutschen Literaturraum, die Seite beim Perlentaucher: http://www.perlentaucher.de/buch/32861.html

Tomasz Rózycik: Zwölf Stationen: Roman
Taschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Sammlung Luchterhand (1. September 2009)
ISBN-10: 3630621023
ISBN-13: 978-3630621029
Originaltitel: Dwanascie stacji