Mai 112005
 

aus der NZZ:

Derweil gelang Felix Philipp Ingold in einem Kommentar zu seinen Texten ein schönes Paradox: Er sehne sich nach einem Ausdruck jenseits der Sprache, gestand er – und kam uns dabei ein wenig wie Hofmannsthals Lord Chandos vor, der mit rhetorischer Brillanz darüber klagte, dass ihm die Worte im Mund wie modrige Pilze zerfielen.

schreibt Roman Buecheli

Hugo von Hofmannsthal

Ein Brief (auch: Brief des Lord Chandos an Francis Bacon)

Ich fühlte in diesem Augenblick mit einer Bestimmtheit, die nicht ganz ohne ein schmerzliches Beigefühl war, daß ich auch im kommenden und im folgenden und in allen Jahren dieses meines Lebens kein englisches und kein lateinisches Buch schreiben werde: und dies aus dem einen Grund, dessen mir peinliche Seltsamkeit mit ungeblendetem Blick dem vor Ihnen harmonisch ausgebreiteten Reiche der geistigen und leiblichen Erscheinungen an seiner Stelle einzuordnen ich Ihrer unendlichen geistigen Überlegenheit überlasse: nämlich weil die Sprache, in welcher nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder die lateinische noch die englische, noch die italienische oder spanische ist, sondern eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zuweilen zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.
….

A.D. 1603, diesen 22ten August.

Phi. Chandos.

[1902]