Mrz 232007
 

Im zweiten Teil folgte die Verleihung des Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung an Michail Ryklin und Gerd Koenen, sie rettete den Abend. Der Kontrast zum ersten Teil hätte kaum größer sein können. Kerstin Holm, Moskauer Kulturkorrespondentin der FAZ und die Laudatorin, hatte zwar mit Zischlauten und der Mikrofonanlage zu kämpfen, aber inhaltlich waren ihre Ausführungen glasklar. Putin arbeite daran, den russischen Untertanenstaat zu restaurieren. Keime einer Zivilgesellschaft, die in der russischen Gesellschaft in den Neunzigerjahren vorsichtig gesprossen waren, würden nun systematisch wieder zerstört. Liberale Künstler und Intellektuelle würde als leichte Gegner ausgesucht. Kunstausstellungen würden gestört, bedroht, vandalisiert. Insgesamt trage Putins Regime Züge einer Polizeigesellschaft. Sodann warb Kerstin Holm für eine „Kunst der Freundschaft“ zu Russland und für das zivilisatorische Projekt, Europa bis an den Pazifik zu verlängern. Dass das aber nicht geht, wenn man die gegenwärtigen Zustände akzeptiert, machte sie sehr deutlich. Dann redeten die Preisträger.

Ebenso wie Kerstin Holm nahmen sie kein Blatt vor den Mund. Eine Niederlage der kritischen Sprache der zeitgenössischen Kunst in Russland konstatierte Michail Ryklin, der russische Philosoph, der für seinen Essay „Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie“ (Suhrkamp Verlag) die eine Hälfte des Preises zugesprochen bekommen hatte. Ryklin kam direkt auf den deutschen Exkanzler Gerhard Schröder zu sprechen. Das offene Russland brauche andere Unterstützung als nur funktionierende persönliche Beziehungen zum russischen Präsidenten.

Gerd Koenen, der die zweite Hälfte des Preises für seine große Studie „Der Russland-Komplex“ (Beck Verlag) bekommen hatte, warnte ebenso vor einer unkritischen Freundschaft zu Russland. Er mahnte realistische Beziehungen zu diesem Staat an, gerade auch aus der Erfahrung der deutschen Russlandschwärmerei in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts heraus, die er in seinem Buch beschrieben hatte. Dann erwähnte Koenen Anna Politkowskaja: Der Mord an dieser Journalistin müsse ein Mord zu viel sein, der nicht mehr hingenommen werde.

So vertrauten die Laudatorin und die Preisträger der Macht des Wortes. Danach waren am Mittwoch in den Foyers des Leipziger Gewandhauses die Buffets eröffnet.

Die TAZ berichtet über die Preisverleihung. Und macht klar, wer das Wort hat und wer nur Luftblasen absondert.

Deutsche und Russen
…..Die Zivilgesellschaft, die sich in den Neunzigerjahren scheinbar entwickelt habe, erweise sich nun als ein „Sandkastenspiel auf einer Staatsruine“. Der Staat und zunehmend auch die orthodoxe Kirche nähmen die Gesellschaft in den Griff, Putins „gelenkte Demokratie“ führe nicht in den Westen. Westlich orientierte Kunst stehe unter dem Druck eines klerikalen Fundamentalismus wie seit der Zarenzeit nicht mehr…

…Solche Nüchternheit, welche die „fiktionale Wahrnehmung“ des anderen hinter sich lasse, sei eine mögliche Basis für neue Verständigung, wurde gesagt, um den Abend nicht zu einer Trennungsszene werden zu lassen. Aber das waren die Momente, in denen die intellektuelle Analyse in den Dämmer von Beziehungskrisen-Gesprächen kippte. Was spricht eigentlich gegen „Realpolitik“, die die Dinge nimmt wie sie sind? Warum muss am Ende doch die Utopie eines „Europa bis zum Pazifik“ beschworen werden?…

schreibt abgeklärt die WELT im Kommentar Deutsche und Russen