Aug 242004
 

Im Heinrich-Heine-Antiquariat finde ich einen Gedichtband von Nikolas Born und als ich mich besinne, daß Nikolas Born die Erzählung „Die Fälschung“ geschrieben hat, die so intensiv mit Bruno Ganz verfilmt wurde, dessen Namen mir erst nicht einfiel, kaufte ich dann dieses Buch.

Und lese mich gleich beim Abendessen im Ratsstüble fest („schwätzt nit so laut, die Dame liest!“).

Und dann finde ich ein Gedicht Feriengedicht Juli 69 und denke nach, wie alt ich damals war, und dann im Vorletzten die Frage

Ist heute der 20. oder 21.Juli 1969?
Armstrong: „Okay“

Ja, an meinem 17. Geburtstag landete der erste Mensch auf dem Mond (Armstrong)
( Am 20. Juli 1969 landete die amerikanische Mondfähre Adler sicher auf dem Mondboden.
Am 21. Juli 1969 um 3h56m MEZ (Mitteleuropäischer Zeit) öffnete sich die Luke und Neil Armstrong setzte als erster Mensch unter den Augen von ca. 500 Millionen Fernsehzuschauern seinen Fuß auf den Mondboden.) und Dieter Barz (der Freund meines Bruders) buk mir einen Geburtstagskuchen.

Feriengedicht [Juli 1969]
 

Dieses Gedicht handelt von Ferien  Der Himmel
ist blau          das Meer blau
   bei uns geht es auch ziemlich normal zu
ein Tag ist schnell umd (verfliegt) und was dann?
am besten macht man ein paar Fotos für hinterher
und geht schlafen
jeder gähnt noch einmal auf seine Art
manche am weitesten        dann GUTE NACHT!

Hinter den Häusern die Wüste
Wüste    Sonne   Durst
   ein Mann erschießt sein Pferd
amerikanisches Gelb aber ohne blaue Limousinen
Hinter dem Horizont das Gleiche
dahinter noch einmal
     das Gleiche
Geröl    eine Bergkette
  hinter dem Horizont erschießt ein Mann sein Pferd
  das Gleiche
nichts liegt so falsch auf der Erde
wie die Beine von einem Pferd

Die Zeit

      verdampft
            der Tag verfliegt
Armstrong gibt eine neue Position durch

unterdessen
rollen die Bälle weiter
ein paar Briefe zu schreiben wäre das Größte
hinten die Berge vorne das Meer
zwischen uns eine Meinungsverschiedenheit
dann ist es wieder still
immer noch nichts
"Blau
ist das Meer"

Es bleibt wie es ist
    die Rufe der Schwimmer
      bunte Plastiksachen
         alles flach
        man kann weggehen und wiederkommen
          blau ist das Meer
und wir sind so einen inneren Frieden nicht gewöhnt

Die Zeit vergeht wie im Fluge (verfliegt)
die Nacht ist hereingebrochen
so geht es immer
  wenn man mal an was anderes denkt
HÖRST DU DIE SÄNGERINNEN SINGEN?
    der Mond ist aufgegangen das Zimmer ist
  untergegangen
einer öffnet die Tür und macht sie leise
  hinter sich zu
nicht erschrecken es ist ICH
wir sind trocken und liegen nackt
das Nachtleben in den Ritzen der Jalousie
ein bleiches Wesen versucht eine Landung auf dir
die Landung glückt
es bumst und knallt noch ein paarmal
"dann ist es wieder still"

An der Seite der schönen Männer mit Absicht auch

die schönen Frauen
       wir sitzen am Rande
      ziemlich berührt
zwischen Farben und Gangarten ist ein ganz harter
   Schnitt
am Brustansatz ist ein kleiner Pickel
           kleines rotes
raffiniertes Signal daß alles nicht so gemeint ist
wir sind nicht unabhängig
essen aber gerade
Es steigt in das Schlauchboot zur Essenszeit
die nette Familie aus Düsseldorf
     übt slawische Zischlaute

Der Mann der sein Pferd erschossen hat
kann nicht ans Meer gelangen
         (es ist
   eine Dramaturgie ohne Meer)
obwohl der Weg nicht weit ist da hinunter
wo die schönen ZEOZON-braunen Körper liegen
von Yvonne Eva Nicole Manfred Christine Harry u.v.a.
und im Wasser der schöne Körper von Rainer
der immer winkt wenn er im Wasser ist und winkt
   noch an diesem Abend wird er in den Klippen
      eine Nummer schieben
mit einer großen Braunen aus Großbritannien

   Ist heute der 20. oder 21. Juli 1969?

       Armstrong: "Okay!
Jun 222004
 

Dass die Deutschen immer älter werden, ist schlecht für die Sozialkassen – aber gut für Verlage und Buchhandel. „Die Älteren sind seine Kunden der Zukunft“,

schreibt Boris Langendorf, der die wirtschaftliche Entwickung für den Buchhandel beobachtet, im Börsenblatt.

Senioren seien buchaffin und noch dazu kaufkräftig wie nie, erklärt der Wirtschaftsexperte.

Langendorf glaubt, dass die ältere Generation für anspruchsvolle Literatur aus kleineren Verlagen und den Einkauf in individuellen Buchhandlungen einstehen wird,


zitiert im Perlentaucher

ich frage: Sind wir Alten die einzige BioMasse, die noch lesen kann? „

Apr 192004
 
Milan Kundera

Milan Kundera

erstens war es nicht Ivan Klima, sondern Milan Kundera : Die Identität und zweitens ist das Buch ein Irrtum:

Eigentlich ist es ja mein Cechov-Jahr und ich suchte ein noch ungelesenes Buch für eine meiner üblichen Hamburg-Freiburg-Reisen, greife zu Kunderas „Identität“ – und lege es im Zug dann schnell wieder weg: Ich kann kein Buch lesen, das nur von der Liebe zweier Menschen handelt, mit ihrem Hin und Hers, es interessiert mich nicht, weil diese zwei Menschen mich nicht interessieren.

Ich kann mich nichtmal erinnern, ob ich das Buch nicht doch schon mal gelesen habe, denn ich finde darin eine Anmerkung, aber eine Anmerkung zu einer Bemerkung am Rande, die auch banaler nicht sein kann.

Was mache ich jetzt mit dem Buch? Ist immerhin hardcover ;=) und bookcrossing mach ich nicht, werfe ich es weg (widerstrebt mir) oder schreibe ich eine Verlosung aus, Gewinner ist derjenige, der mir einsichtig begründet, warum ich das Buch doch lesen sollte?

Milan Kundera: Die Identität
Gebundene Ausgabe: 162 Seiten
Verlag: Carl Hanser; Auflage: 11 (20. August 1998)
ISBN-10: 3446194908
ISBN-13: 978-3446194908
Nov 082003
 

aber darum geht es nicht. Es geht mir darum, wie die von mir geschätzte Obdachlosenzeitschrift „Hinz und Kunzt“ aus Hamburg sich einspannen läßt von der kaltschnäuzigen Marketingmaschine der J.R.

Die reichste Frau Großbritanniens gibt Almosen und stolze Organisationen schnappen danach.

Fragt doch mal einen Buchhändler, ob jemals der so beschworene Leseanreiz, der beim Kauf eines Pott.- oder Bohl.-Buches angeblich entstehen soll, funktioniert hat.

Ja? Nein.

Also.

Leute, seid stolzer. Laßt Euch nicht so manipulieren. Ihr habt davon nicht wirklich was. Ihr schadet Euch aber.

Sep 202003
 
Karl Schlögel

Karl Schlögel

Eine Lesung im Literaturhaus Hamburg: Karl Schlögel stellt sein neues Buch Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik vor, im Gespräch mit Bazon Brook (dem das postmoderne Spektakel mit in die Wiege gelegt worden zu sein scheint, wie ich von dieser Seite zitieren darf.

Schlögel kündigte schon an, daß er sich eventuell aus dem Gespräch mit Brook ausklinkt. Und da war auch gut so. Der Abend war eigentlich mißglückt. Wann schon sitze ich bei einer Lesung und suche meine Ohrstöpsel raus? Der Lautsprecher Brook erschlug alle Feinheiten, Besonderheiten, Genauigkeiten, die Schlögel nun einmal so meisterhaft kompiliert.

Ich hätte gern einer Lesung zugehört. Und nicht einem kurzen Vorlesen samt anschließender Selbstinszenierung eines, ich wiederhole es, Lautsprechers, der wohl deshalb so laut schreit, weil er verstanden oder empfunden hat, daß auch er zu den noch lebenden Toten, als die er uns Zeitgenossen bezeichnete, gehört? So lange ich plärre, lebe ich????

Ach wie schade. Aber so fand ich wenigstens die kurze Gelegenheit, mich im Anschluß bei Karl Schlögel für alles das zu bedanken, was ich von ihm lernen konnte. Und den Vorsatz zu fassen, ihn auf Avantart zu würdigen.

Mein Ideal? Ein Semester bei Ingold studieren, ein Semester bei Schlögel. Im Wechsel.

Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik
Gebundene Ausgabe – 464 Seiten – Hanser
Erscheinungsdatum: September 2003
ISBN: 3446203818

Sehr schön: Dem Buch wird bei Amazon das Werk Campo Santo von W.G. Sebald zugeordnet. Da weht ein europäischer Geist.