Sep 032008
 

Orlando Figes

Orlando Figes

Das Werk „Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland“ (Berlin Verlag) von Orlando Figes ist zum Buch des Monats September 2008 gewählt worden.

Zum Lesen dieses Buches brauche ich jedenfalls mehr Zeit als einen Monat. Und nicht nur wegen des immensen Umfangs. Sondern wegen der seelischen Erschöpfung…

das Leben der Menschen in der Stalinzeit war so unvorstellbar gesteuert, überwacht, eingeschränkt, der Willkür ausgeliefert, daß wir westliche Leser es uns fast nicht vorstellen können.

Ein Ehepaar lebt 50 Jahre miteinander und nicht einmal kommt die Sprache auf die Tatsache, daß beide in der Verbannung groß geworden sind; sie sprechen darüber auch Jahrzehnte später nicht, so sitzt die Angst im Leben.

Es ist wichtig, daß es dieses Buch gibt.
Es ist wichtig, daß dieses Buch gelesen wird.

Orlando Figes: Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland
Gebundene Ausgabe: 1088 Seiten
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (9. August 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827007453
ISBN-13: 978-3827007452
Jul 142008
 

„Der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis (15.000 Euro) geht an Dieter E. Zimmer für seine Übersetzungen angelsächsischer Literatur, insbesondere für die Übertragung der Werke Vladimir Nabokovs.“

Das ist eine großartige Meldung, das ist eine großartige Würdigung.

Dieter E. Zimmer hat uns Nabokov nahegebracht wie kaum ein Anderer.
Wer sonst verliert sich so tief in den Werken des Großen Russen und verfaßt neben den Übersetzungen auch noch so wundersame Werke wie das kürzlich besprochene Nabokov reist im Traum in das Innere Asiens?

 Roshdestweno

Roshdestweno

Deshalb hier eine Aufnahme des Sommerhauses der Familie Nabokovs in Roshdestweno bei Siberski, etliche Kilometer südlich von St. Petersburg. Mehr Bilder, die ich 2000 im Sommer aufgenommen habe, gibt es auf hier: Das Nabokov-Museum in Roshdestweno

Herzlichen Glückwunsch!

Mai 072008
 
Ins Innere Asiens

Ins Innere Asiens

vielleicht bin ich zu kleinkariert und habe die Ironie nicht verstanden, mit der Dieter E. Zimmer sein touristisches Photo auf die innere Umschlagseite plaziert hat…

wie dem auch sei, ich freue mich immer noch über dieses ganz besondere Buch!

Eines kann ich hinzufügen: der Autor beklagt im Buch, daß sowenig der zitierten Original-Literatur ins Deutsche übersetzt wurde und nun fand ich bei jokers.de dieses Angebot:

Nikolai M. Prschewalski: Auf Schleichwegen nach Tibet:

1870 – 1873. Nikolai M. Prschewalski zählt zu den bedeutendsten Asienforschern der Neuzeit. Der russische General war auf zahlreichen Expeditionen unterwegs. Viele seiner Reiseberichte und geografischen Fachbücher wurden Standardwerke. Die hier beschriebene Reise führte den Entdecker in die Mongolei. Von dort aus versuchte er, die »verbotene Stadt« Lhasa in Tibet zu erreichen – wie Jahre später sein Bewunderer Sven Hedin…

Nikolai M. Prschewalski: Auf Schleichwegen nach Tibet 1870-1873
Gebundene Ausgabe: 317 Seiten
Verlag: Edition Erdmann; Auflage: 1., Aufl. (Januar 2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3865030041
ISBN-13: 978-3865030047
Apr 292008
 

und ich reise mit…

Dieter E. Zimmer

Dieter E. Zimmer

Dies ist ein ganz besonders Buch und wieder einmal zeigt sich, daß das Modernes Antiquariat eine Schande für die deutschen Buchkäufer ist. Wie kann es angehen, dass ein solches Buch verramscht wird?

Ich kenne zwar die Nabokovsche Familie nicht so genau, ich weiß, daß sein Vater Mitglied einer Übergangsregierung Russlands nach der Absetzung des Zaren war, und daß er im Exil in Berlin ermordet wurde.

Nun schrieb Vladimir Nabokov den Roman „Die Gabe“ und „Die Schmetterlingsschriften des Konstatin Godunov-Tscherdnyzew“ und beschreibt in einem Kapitel eine geträumte Reise, bei der der Sohn seinen geliebten Vater auf einer Expedition in das Innere Asiens begleitet.

Woher hatte Nabokov, der nie in Tibet, Zentralasien, Westchina war, dieses Wissen? Woher kannte er all diese Details?

Er konnte in den Berliner Bibliotheken die Reiseberichte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts studieren und inzwischen sind auch alle Quellen, die er genutzt hat, bekannt.

Dieter E. Zimmer hat in einem wunderschönen Buch Ausschnitte aus den Reiseberichten der damaligen Zeit neben Nabokovs Text gestellt und es ist eine Freude, diesen Reisenden nachzuspüren.

Am besten gefielen mir die zwei amerikanischen Radfahrer…

Nun ist diese Anthologie noch von einer anderen Warte aus interessant: Die meist russischen Reisenden offenbaren hier ein imperialistisches Selbstverständnis, das derart ungetrübt uns heute doch recht bitter aufstößt.

Auch der Stolz, mit dem die Zahl der erlegten Bären pro Tag genannt wird, können wir heute nicht mehr nachvollziehen.

Ein bißchen unangebracht finde ich das Photo auf der dritten Umschlagseite, das den Herausgeber auf einem Kamel zeigt, wahrscheinlich an den Pyramiden oder in Tunesien, die Registriernummer des Kamels halb verdeckt… Ein Pauschaltourist gibt eine Anthologie äußerst individueller Forschungsreisender heraus… ;=(

Für mich ist dieses Buch deshalb auch interessant, weil ich zum Einen immer schon Reiseberichte gerne gelesen habe, zum Anderen weil ich selbst nach Zentralasien reisen werde, nach Kyrgisistan. Das im August.

Bis dahin möchte ich noch mehr solche interessanten Bücher lesen.

Dieter E. Zimmer : Nabokov reist im Traum in das Innere Asiens
Gebundene Ausgabe: 317 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek (März 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498076639
ISBN-13: 978-3498076634
Apr 192008
 

ich glaube, ich habe die Literaturzeitung Volltext noch nicht vorgestellt.
Aber ich kann sie nur aus vollstem Herzen empfehlen.

Dmitrij Prigow

Dmitrij Prigow

Schon das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe 02/08 zeigt die interessanten Themen, zeigt auf, wie jenseits des Mainstreams Autoren vorgestellt, gewichtet, gewürdigt werden.

So findet sich ein langes Interview mit [link2post id=“77″]Dima Prigow[/link2post], das wenige Wochen vor seinem überraschenden , unerwarteten Tod geführt wurde, ebenso wie ausführliche Essays.

So schreibt Ernst-Wilhelm Händler „Der Zwang zum Bewusstsein. Zur deutschsprachigen Prosa der Gegenwart


Daraus ein kleiner Ausschnitt, ansonsten: kaufen Sie Volltext, abonnieren Sie Volltext!

Die gute Nachricht der Simulation von Literatur ist: Der Autor spricht im Roman nicht ständig von sich selbst. Das wäre kontraproduktiv, die Leserin würde kaum bereit sein, sich in den Autor hineinzuversetzen. Die schlechte Nachricht: Die Autoren sprechen außerhalb ihrer Bücher von nichts anderen als von sich selbst. Dabei korreliert das Unsäglichkeitsmaß der Selbstinszenierungen hochsignifikant mit dem Alter der Regieführenden.

Dez 222007
 

heißt ein Aufsatz, den Felix Philipp Ingold mir zur Veröffentlichung überlassen hat.

Ich veröffentliche ihn hier auf Avantart gerne, mit Freude.
Scheint es doch, als hätten beide Seiten die gegenseitige Nähe vergessen…

Ist mir doch Rußland sehr nahe und die Geschichte der gegenseitigen Beeinflußung und Entwicklung ist spannend. Auf meinen Reisen durch das Land bin ich oft auf Spuren deutscher Gelehrter oder Konstrukteure, Ingenieure gestoßen, meine russischen Freunde belehrten mich über den fruchtbaren Austausch der Wissenschaften.
Ich freue mich über dieses Geschenk von FPI und hier ist der Link:

[link2post id=“1522″]Deutscher Geist und Russische Seele[/link2post]

Mit diesem Essay beginne ich eine Reihe von Texten zu diversen kulturgeschichtlichen oder kulturgeographischen Themen, die ich, wenn Avantart.com relauncht ist (wie man das so schön schreibt) sicherlich werde besser präsentieren können.


Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Neuen Zürcher Zeitung. Ich veröffentliche ihn hier mit Ingolds Erlaubnis.