hatte ich über Alias oder Das wahre Leben geschrieben und es ist selten, daß ich negativ über eine Arbeit von Felix Philipp Ingold urteile.

Warum mag ich das Buch nicht? Darüber habe ich lange nachgedacht. Es ist nicht das Buch, es ist das Leben, es ist die Geschichte, die das Leben der Menschen so bestimmt, so herumwirft, das die Menschen so grausam behandelt.

Das mag ich  nicht.

Felix Philipp Ingold: AliasIch habe das Buch Alias von Felix Philipp Ingold gelesen.

Es berichtet über einen Menschen, einen Russen im 20. Jahrhundert, im europäischen Jahrhundert, von den ersten Fronterfahrungen bis zu seinem Tode, ironischerweise in dem KZ, das er einst als russischer Offizier zwar nicht befreite,  in dem er aber nach der Befreiung Wiens als Dolmetscher arbeitete. Als Erfolgsautor im stalinistischen Rußland. Als Lager-Insasse.  Als Wolgadeutscher nach einer Odyssee über Israel nach Radolfszell. Als Rentner mit einer zu  jungen Frau.

Es gibt keine Existenz “per se”. Jeder Mensch hat einen oder mehrere “Aliase” im Laufe des Lebens. Das 20te Jahrhundert treibt die Menschen vor sich her, von einer Identität in eine andere.

Und den literarischen Erzähler von einer Form in die andere. Ingolds Passion für die Autorschaft, das Spiel des Auktorialen, hier lebt er es aus. Er bringt sich selbst ins Spiel, läßt sich das Leben des Protagonisten erzählen (in dessen “Dissidenz-Phase” in Leningrad) und als Besucher am Bodensee, spielt Erzählformen von der Novelle bis zur Romanze durch. Streut Poetisches ein, rückt die Texte aus, fügt dem Buch ein Photo-Album an.

Aber auch dieses Album bringt uns den Protagonisten nicht näher, bei all dem Leben lebt er kein Leben. So unglaubhaft wie die “amour fou” zu der jungen Frau am Ende seines Lebens ist sein ganzes Leben. Aber ist es sein Leben? Hat es ihn gegeben? Wer ist Begerow / Bergson / Berger? Gab es ihn? Führt uns der zweite Teil des Buchtitels “oder das wahre Leben” in die Irre? Oder auf die Fährte?

Kann es in einem solchen Leben Identität geben? Ist Identität ein Vexierbild aus den brutalen Details des 20. Jahrhunderts? Ist das Leben immer das andere?

Ich weiß es nicht. Ich mag dieses Buch nicht. Es gibt mir keine Hauptfigur zur Identifikation, es gibt mir keine Handreichung, mich “beim Lesen” einzurichten, keine Gewißheit.

Und das ist das Gute an diesem Buch.

Felix Philipp Ingold: Alias: oder Das wahre Leben
Gebundene Ausgabe: 330 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (8. September 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3882215534
ISBN-13: 978-3882215533

Als Gruß zu lesenwiedereinmal überrascht Felix Philipp Ingold.
Er dreht die Zeit um.
Und schert sich auch nicht um “anthologische Gewohnheiten”.

Jeder Autor wird mit einem Gedicht vorgestellt, auf einer Doppelseite das Original und die Übersetzung.

Auch bisher unbekannte Lyrikerinnen, bisher unübersetzte Gedichte sind in diese Sammlung eingegangen.

So fühle ich mich gegrüßt von mir unbekannten und bekannten Autoren.

 

Felix Philipp Ingold:
»Als Gruß zu lesen«: Russische Lyrik von 2000 bis 1800

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Dörlemann; Auflage: 1., Aufl. (18. September 2011)
Sprache: Russisch, Deutsch
ISBN-10: 3908777658
ISBN-13: 978-3908777656

 

Felix Philipp Ingold schreibt im aktuellen Themenheft “Natur” der österreichischen Literaturzeitschrift “Wespennest“.
Er schreibt über seine erste Reise im Wagen nach Rußland 1966 und seine Erfahrungen der russischen Weite.

Was mir … schon bald nach Warschau auffiel, war die allmählich sich ausdehnende Horizontbreite, die sich beim Grenzübertritt in die Sowjetunion rasch zum Kreis rundet und dann über Hunderte von Kilometern tatsächlich zu umfassen scheint. Noch nie war ich auf einer so großen Distanz stetig zum Horizont hin unterwegs über gewesen, zu einer Linie ohne erkennbaren Fluchtpunkt, die sich beim Blick nach links wie nach rechts endlos verlängerte.

WeiteInmitten dieser Weite zu stehen, war jedoch keines gleichbedeutend mit der Gewissheit oder auch bloß dem Gefühl in der Mitte zu sein, und erstmals wurde mir in jenen Momenten klar, dass es in einer Welt ohne Maß, ohne Vergleich, ohne Begrenzung eine Mitte gar nicht geben kann, es sei denn, ich selbst würde zu dieser Mitte, indem ich mich zum einzigen, mithin zum absoluten Maß dieser Welt mache.

Wer das Heft nicht zur Hand hat, findet hier eine Leseprobe auf der Verlagsseite. Und mag, wie ich auch, versuchen auch nur eine kleine Ahnung dieser Verlorenheit, Raumlosigkeit und Grenzenlosigkeit zu erhaschen.

 

Felix Philipp Ingold

Felix Philipp Ingold

Gegengabe ist ein gewichtiges Werk von Felix Philipp Ingold.

Ein Gedichtband, mit dem ich nie fertig bin. Immer wieder finde ich etwas. Immer wieder bin ich gebannt.

Ein Satz springt ins Auge. Setzt sich fest.

Immer wieder ein anderer. Und immer bereichert es den Tag.

Das ist meine Leseerfahrung.

Wolfram Malte Fues geht anders an dieses große Buch heran. Er fragt, wie ein Dichter arbeitet in seinem Essay: Gabe gegen Gabe. Felix Philipp Ingolds Lyrik der Moderne

Wo und wie arbeitet der Lyriker Felix Philipp Ingold?
„Der öffentliche Raum ist der Resonanzraum, aus dem ich die ersten noch unverbundenen Daten für mein Schreiben gewinne. Die Verbindung und Entfaltung von alltäglichen Klangereignissen zu einem Text, in dem Wörter und Laute enggeführt und immer wieder neu zum Sprechen gebracht  werden, ist das, was ich unter Dichtung verstehe und als Dichtung praktiziere.”

So beginnt der Essay. Lesen Sie weiter!

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